Strafe oder natürliche Konsequenz oder besser laufen lassen?

Strafe engt ein. ADHSler und autistische Kinder fühlen sich in die Ecke gedrängt. Entweder schalten sie dann ab oder sie gehen in die Gegenwehr. Ihnen ist ihre Autonomie wichtig. Das Gefühl, selbst zu entscheiden. Ganz ehrlich, wem ist das nicht wichtig? Aber wir leben eben auch in einer Gemeinschaft, auch wenn der ein oder andere AuDHSler lieber alleine auf der Welt wäre – zumindest so lange, bis es Essen gibt oder er oder sie etwas über die Lautverschiebung der mitteldeutschen Sprache referieren will.

Wir lernen so viel besser, wenn positive Gefühle mit im Spiel sind. Und AuDHSler, so scheint es mir, nicht mehr, wenn negative Gefühle im Spiel sind. Unsere Psychologin sagte mal, als sie ein AuDHS Huhn frage, ob es sich an eine negative Situation erinnert, verneinte: „Gut, dass du ADHS hast. Dann hast du die sowieso gleich wieder vergessen.“

Aber auch wir Eltern sind keine Engel und haben nicht die Geduld und Zeit immer alles positiv und eigenwirksam zu gestalten. Und nun die ehrliche Wahrheit. Müssen wir aber trotzdem immer wieder versuchen, wenn wir vorankommen wollen. So gut wir können. Dafür darf es aber unperfekt, kreativ und ehrlich sein.

Wenn Strafe das Nervensystem disreguliert. Wenn Wut, Ärger oder Traurigkeit entsteht. Wenn das Kind sich sperrt und bockig wird und wir immer weiter drücken oder selber in den Frust gehen, dann ist das ganze Nervensystem Familienhaushalt disreguliert. Ja, wir leben in einem System, wo eine Person wie ein Tierchen an einem Mobile mit den anderen verbunden, in Bewegung, im Gleich- oder Ungleichgewicht ist.

Kinder mit ADHS und Autismus beziehen vieles auf sich. „Der Kühlschrank ist offen.“ wird gehört als: „Du hast den Kühlschrank bestimmt aufgelassen.“ Denn warum sollten wir es ihnen sagen, wenn es nichts mit ihnen zu tun hat? Macht für das AuDHS Gehirn keinen Sinn. Das will nur relevante Infos, keinen Small Talk oder Gefühls regulierende Unterhaltung. So fühlen sie sich schnell kritisiert oder haben kein Gefühl für die Emotionen und die Situation des Gegenübers. Was ihnen dann hilft, ist nicht Druck, sondern Klarheit. „Der Kühlschrank ist offen. Ich weiß gar nicht, wer den offen gelassen haben könnte. Weißt du es?“

Sagt ihnen auch ruhig: „Ich bin gerade genervt, weil es hier so unordentlich ist. Ich brauche Ordnung, um mich wohlzufühlen. Ich möchte, dass wir alle zusammen dafür sorgen, dass es hier ordentlich ist. Jeder soll seinen Teil dazu beitragen.“

Wenn es darum geht, Aufgaben zu verteilen, fragt sie, ob sie Vorlieben haben. Am Ende des Tages kann es ja egal sein, wer was macht. Hauptsache, alles wurde gemacht. Welche Aufgabe von der Liste würdest du gerne übernehmen? Lasst sie kreativ sein, denn das können Kinder mit ADHS und Autismus gut. Sie denken außerhalb der Box. Vielleicht möchte euer Kind Teil des Einkaufs übernehmen, weil es auf dem Weg von der Schule sowieso am Supermarkt vorbeikommt. Ich habe meinen Hühnern dafür so eine Einkaufstrolley gekauft, wie die Omas sie haben. Später hat ein Huhn sogar den Wochenendeinkauf gemacht. Es ist zum Supermarkt gelaufen, hat alles von der Liste geholt und ich musste es nur mit dem Auto am Parkplatz einsammeln. Mit den Einkäufen. Es ist so autistisch ehrlich, ich konnte das gesamte Geld für den Einkauf am Anfang des Monats auf sein Konto überweisen.

Wenn etwas definitiv gemacht werden muss, ohne viel Spielraum, gebt euern Hühner eine Wahl: Wollt ihr die Zähne vor oder nach dem Frühstück putzen? So behalten sie das Gefühl selbst entscheiden zu können und ihr bekommt den Video Game Effekt Bonus. Es wird eine A oder B Quest. Das ist überschaubar: Entscheidung – Handlung – Abschluss und aktiviert das Dopamin Belohnungssystem. Zumindest sagen das die großen Influencer in den Social Media. Was genau im Gehirn abläuft können meinetwegen die Forscher untersuchen. Hauptsache es funktioniert.

Und wenn es immer noch nicht funktioniert, habe ich festgestellt, dass meine Hühner oft Dinge, die sie tun sollen, akzeptieren, wenn sie aussuchen dürfen, wann sie es tun. „Wenn Papa die Küche aufgeräumt hat“ oder für ältere Kinder: „Um 15 Uhr“. Wahrscheinlich müsst ihr sie am Anfang um 15 Uhr noch einmal erinnern und auch an die Abmachung, die ihr getroffen habt. Bei besonders hartnäckigen AuDHS Hühnern hilft die schriftliche Vereinbarung. So habt ihr den Beweis, falls das Gehirn des Jugendlichen es schon wieder vergessen hat.

Funktioniert das immer? Leider nein. Bei ADHS und Autismus ist das Wichtigste dranbleiben und wiederholen. Immer wieder adressieren. Und den Humor nicht verlieren. Ich sag dem jüngsten Huhn seit einem Monat nicht mehr „Guten Morgen“ und „Gute Nacht“ sondern „Zähne schon geputzt?“

In diesem Sinne.

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