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Strafe bei ADHS und Autismus – warum es oft nicht die Lösung ist

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Heute möchte ich über ein Thema sprechen, das viele Eltern beschäftigt – und über das erstaunlich wenig differenziert gesprochen wird: Strafe. Wenn ein Kind Grenzen überschreitet, wenn Regeln nicht eingehalten werden oder wenn Konflikte eskalieren, kommt früher oder später die Frage: Muss man nicht auch mal bestrafen?
Ich finde, man sollte diese Frage nicht vorschnell moralisch beantworten. Denn Strafen existieren überall in unserer Gesellschaft.
Im Rechtssystem.
In der Schule.
Im Arbeitsleben.
Strafe ist im Grunde eine Sanktion für ein Verhalten, das als unangemessen bewertet wird.  Die Frage ist also nicht nur: Ob Strafe eingesetzt werden soll. Die eigentliche Frage ist: Hilft sie wirklich dabei, Verhalten zu verändern?


Der erste Denkfehler bei Strafe

In meiner Arbeit mit Familien, Betroffenen und pädagogischen Kontexten sehe ich immer wieder ein Muster: Strafe wird eingesetzt, weil jemand nicht mehr weiterweiß. Und kurzfristig funktioniert sie oft tatsächlich.
Ein Verhalten hört auf.
Ein Kind wird still.
Eine Situation wird beendet.
Aber das bedeutet nicht, dass Lernen stattgefunden hat. Strafe stoppt häufig nur ein Verhalten – sie erklärt aber nicht, was stattdessen passieren soll.


Strafe und das Nervensystem

Gerade bei ADHS und Autismus spielt noch etwas anderes eine Rolle: das Nervensystem. Viele Kinder und Jugendliche, mit denen ich arbeite, sind nicht deshalb impulsiv oder unkooperativ, weil sie Regeln nicht kennen. Sondern weil ihr Nervensystem gerade überfordert ist. Bei ADHS kann das so aussehen:

  • starke Reizaufnahme
  • motorische Unruhe
  • impulsive Reaktionen

Bei Autismus sieht Überforderung häufig anders aus:

  • Rückzug
  • Shutdown
  • komplette Blockade

In beiden Fällen kann Strafe etwas auslösen, was man in der Traumaforschung Enge oder Stressreaktion im System nennen würde. Das Nervensystem geht nicht ins Lernen. Es geht in Abwehr. Und dann entstehen genau die Reaktionen, die viele Eltern kennen:

  • Trotz
  • Wut
  • Widerstand
  • oder kompletter Rückzug

Wann Strafen manchmal doch eine Rolle spielen

Trotzdem würde ich Strafe nicht komplett aus der Welt erklären. Denn wir leben nicht im luftleeren Raum. Grenzen gehören zu jeder Beziehung. Manchmal muss Verhalten auch gestoppt werden. Aber dann lohnt es sich, eine zweite Frage zu stellen: Ist die Reaktion angemessen? Oder anders gesagt: Steht sie in Relation zu dem, was passiert ist?
Ein Beispiel aus dem Erwachsenenleben hilft da manchmal beim Einordnen. Wenn ein Partner zu mir käme und sagen würde: „Ich nehme dir jetzt dein Handy weg.“ Dann würde ich wahrscheinlich denken: Was ist denn hier los? Wenn aber mein Arbeitgeber sagt: „Wir haben festgestellt, dass Sie während der Arbeitszeit ständig am Handy sind – das geht so nicht.“ Dann hat diese Grenze einen anderen Kontext. Strafen wirken also immer innerhalb einer Beziehung und einer Rolle.


Was bei ADHS und Autismus oft besser funktioniert

In der Praxis sehe ich etwas anderes als deutlich wirksamer: natürliche Konsequenzen. Also Situationen, in denen das Verhalten selbst eine Rückmeldung erzeugt. Ein einfaches Beispiel: Wenn jemand ohne Jacke rausgeht und es kalt ist, wird ihm kalt. Das ist keine Strafe. Das ist Realität. Und daraus kann Lernen entstehen.


Aber auch natürliche Konsequenzen haben Grenzen

Auch das wird oft romantisiert. Natürliche Konsequenzen funktionieren nur, solange sie sicher und zumutbar sind. Wenn ein Kind zum Beispiel nicht merkt, dass es friert – was bei manchen autistischen Kindern tatsächlich vorkommen kann –
dann kann man nicht einfach sagen: „Dann frierst du eben.“
Dann braucht es wieder Regeln und Struktur. Genauso, wenn das Verhalten andere Menschen im System betrifft. Wenn zum Beispiel Geschirr im Zimmer verschwindet und irgendwann kein Teller mehr im Schrank ist, dann ist irgendwann der Punkt erreicht, an dem man sagt: Hier funktioniert das System nicht mehr. Und dann braucht es klare Vereinbarungen.


Beziehung statt Machtkampf

Der wichtigste Unterschied liegt für mich aber woanders. Viele Konflikte eskalieren, weil sie als Machtkampf geführt werden. Wer setzt sich durch? Wer hat recht? In meiner Erfahrung funktioniert etwas anderes besser: Beziehung.
Das bedeutet zum Beispiel:

  • erklären, was im eigenen System passiert
  • Ich-Botschaften statt Vorwürfen
  • gemeinsam nach Lösungen suchen

Also nicht: „Du bringst mich zur Weißglut.“ Sondern: „Mich bringt das durcheinander, wenn morgens alles fehlt.“ Das klingt banal, ist aber neurologisch ein großer Unterschied.


Die eigentliche Frage

Wenn man einen Schritt zurücktritt, wird eine andere Frage wichtig: Nicht: Wie bestrafe ich richtig? Sondern: Was hilft wirklich, damit Verhalten sich verändert?
Und gerade bei ADHS und Autismus führt der Weg meistens über:

  • Struktur – das Whiteboard im Esszimmer mit Plänen
  • klare Routinen – abends immer: eine Folge Serie oder 5 Seiten im Buch, dann duschen, Zähne putzen, Bett
  • kleine Schritte – räum doch zuerst das Besteck aus der Spülmaschine, dann die Gläser, danach die Tassen, dann die kleinen Teller und so weiter
  • und Beziehung – ich brauche morgens, wenn ich in die Küche komme, Ordnung. Deshalb möchte ich, dass wir, bevor wir die 5 Seiten im Buch lesen, erst alle zusammen aufräumen.

Das zu etablieren ist am Anfang anstrengen, aber wenn ihr dranbleibt wird es mit der Zeit leichter und verselbstständigt sich und dann nehmen Eskalationen ab.


Strafen können Verhalten kurzfristig stoppen. Aber langfristiges Lernen entsteht meistens woanders:
in Beziehung,
in Struktur,
und in einem Nervensystem, das überhaupt lernen kann.