Es gibt einen Satz, den hört man nach einer Trennung ständig: „Ihr müsst doch zum Wohl des Kindes zusammenarbeiten.“ Ja. Das stimmt. Aber nur so lange, wie Zusammenarbeit überhaupt möglich ist. Manchmal entsteht jedoch eine Dynamik, in der ein Elternteil immer mehr Verantwortung übernimmt, während der andere immer weniger übernimmt oder übernehmen kann.
Dann entsteht jedes Mal eine Lücke. Und häufig versucht der andere Elternteil, diese Lücke immer wieder aufzufangen. Indem er noch einen Termin übernimmt, bei noch einer Diskussion nachgibt, noch einen Kompromiss findet. Bis er irgendwann völlig erschöpft ist. Und das ist dann auch nicht mehr zum Wohl des Kindes.
Denn Kinder brauchen keine Eltern, die sich gegenseitig aufreiben. Sie brauchen Erwachsene, die noch Kraft für sie haben. Wenn ihr euch gut versteht, Absprachen funktionieren und ihr als Team Entscheidungen trefft, dann ist das großartig. Dann brauchst du dieses Video wahrscheinlich gar nicht. Aber wenn jede Nachricht zu einer Diskussion wird … wenn Vereinbarungen plötzlich wieder geändert werden … wenn jede Kleinigkeit einen Streit auslöst … wenn du ständig das Gefühl hast, den Konflikt und die Lebensschwierigkeiten des anderen mittragen zu müssen …
… dann geht es heute nicht darum, wie ihr euch besser versteht. Sondern darum,
wie du dein Kind schützen kannst.
Bevor wir weitermachen, noch ein wichtiger Gedanke. Vielleicht erkennst du in manchen Beispielen den anderen Elternteil wieder. Vielleicht erkennst du aber auch dich selbst. Und vielleicht erlebt ihr sogar beide den jeweils anderen als unkooperativ. Für dieses Video ist das gar nicht entscheidend.
Entscheidend ist nicht, wer recht hat. Entscheidend ist die Frage: Was hilft dem Kind?
Gerade in Familien mit ADHS oder Autismus kann das besonders schwierig sein. Nicht weil Menschen mit ADHS oder Autismus grundsätzlich schlechter kooperieren, sondern weil Impulsivität, Schwierigkeiten mit der Emotionsregulation, Vergesslichkeit oder Planungsprobleme ohnehin schon Kraft kosten können. Manchmal kommen noch Begleiterkrankungen oder Suchterkrankungen dazu.
Wenn dann noch eine konflikthafte Trennung dazukommt, wird Co-Parenting manchmal schlicht zu einer Aufgabe, die beide Seiten gleichzeitig leisten müssten – und das klappt nicht immer. Deshalb möchte ich heute über etwas sprechen, das oft besser funktioniert. Ich benutze dafür gerne das Bild eines Tennisspiels:
Stell dir vor, der andere Elternteil schlägt dir ständig Bälle zu. Pling. Ein Vorwurf. Pling. Eine neue Forderung. Pling. Noch eine Diskussion. Und kaum hast du den Ball zurückgespielt, ruft der andere schon: „Ach übrigens, kannst du den Ball auf meiner Spielfeldhälfte auch noch aufheben?“
Dann läufst du rüber. Hebst seinen Ball auf. Kommst zurück. Und schon fliegt der nächste. Irgendwann bist du nur noch damit beschäftigt, das Spielfeld des anderen mit aufzuräumen. Und genau da liegt das Problem. Du bist für deine Spielfeldhälfte verantwortlich. Nicht für die des anderen.
Natürlich gibt es Bälle, die wirklich zurückgespielt werden müssen, wenn es um das Kind geht. Wenn etwas dringend ist. Wenn eine Entscheidung getroffen werden muss. Aber ganz viele Bälle musst du gar nicht spielen. Du musst nicht jede Diskussion annehmen. Du musst nicht jeden Vorwurf beantworten. Du musst nicht innerhalb von fünf Minuten reagieren. Manchmal darf der Ball einfach liegen bleiben. Nicht tagelang. Nicht wenn etwas Dringendes mit dem Kind ist. Aber vielleicht bis heute Abend. Oder bis morgen früh. Bis dein Puls wieder unten ist. Bis du einen Kaffee getrunken hast. Bis du mit deinem neuen Partner gesprochen hast. Oder bis du einfach wieder sachlich antworten kannst. Denn wer bestimmt eigentlich deinen Tag? Der andere Elternteil? Oder du selbst?
Es gibt übrigens noch eine zweite Art, wie Bälle gespielt werden.
Nicht durch Vorwürfe. Sondern indem sie einfach liegen bleiben. Zum Beispiel: „Ich sage dir noch Bescheid.“ „Ich muss erst einmal überlegen.“ „Vielleicht.“ „Mal sehen.“
Und aus Tagen werden Wochen. Der Ball liegt genau auf der Mittellinie. Keiner spielt ihn. Aber beide müssen ständig daran vorbeilaufen. Auch das kostet Kraft.
Bevor wir weitermachen, noch ein paar ganz praktische Strategien.
Denn das alles klingt schön. Aber wie macht man das eigentlich im Alltag?
Strategie Nummer 1 – Du musst nicht jeden Ball sofort zurückspielen.
Das Handy piept. Noch eine Nachricht. Noch ein Vorwurf. Noch eine Anfrage. Viele haben sofort das Gefühl: „Ich muss antworten.“ Manchmal schreibt der andere direkt schon die nächste Nachricht oder ruft um zehn Uhr abends noch an. Nein. Du musst nicht rangehen. Du darfst erst einmal überlegen: Ist das überhaupt dringend? Wenn nicht, leg das Handy weg. Geh spazieren. Geh schlafen. Spiel mit deinem Kind. Und antworte erst, wenn du wieder ruhig bist. Der andere bestimmt nicht, wann du reagieren musst.
Strategie Nummer 2 – Nicht diskutieren. Informieren.
Viele denken: Ich muss das klarstellen, ich muss das erklären. Der andere soll es endlich einsehen. Musst du nicht und muss der andere nicht. Je länger ihr diskutiert, desto mehr Bälle fliegen nur hin und her. Schreib lieber: „Da wir uns nicht einigen können, bleibt es für mich bei der bisherigen Vereinbarung.“ Oder: „Danke für die Information.“ Fertig. Nicht jeder Ball braucht einen Gegenschlag.
Hier geht es nicht darum, plötzlich selbst neue Regeln aufzustellen und zu sagen: „So ist es jetzt. Basta.“ Parallel Parenting bedeutet nicht, jetzt selbst die Grenzen ständig neu zu verschieben. Wenn der „a“ macht, mach ich „b“. Nein. Es geht darum, die gemeinsamen Vereinbarungen ruhig und konsequent einzuhalten.
Und wenn der andere sich nicht daran hält? Dann kannst du das oft nicht verhindern. Du musst aber auch nicht stundenlang darüber diskutieren. Du kannst nur entscheiden, wie du damit umgehst.
Strategie Nummer 3 – Immer derselbe Satz.
Viele Eltern glauben, sie müssten es nur noch besser erklären. Noch verständlicher. Noch freundlicher. Noch ausführlicher. Vielleicht noch etwas Verständnis zeigen. Aber manche Diskussionen enden nicht, weil die Erklärung schlecht war oder weil ihr euch noch nicht gut genug verstanden habt. Sondern weil ihr immer wieder in dieselbe Konfliktdynamik geratet. Dann hilft oft ein Satz wie: „Ich verstehe, dass du das anders siehst.“ Oder: „Wir sind damit nicht einverstanden.“ Und danach kommt kein Roman mehr.
Und manchmal gehört auch dieser Satz dazu: ‚Wir finden das nicht richtig. Aber wir können nicht steuern, was du auf deiner Spielfeldhälfte tust.‘ Das klingt erst einmal nach Aufgeben. Ist es aber nicht. Es bedeutet nur, dass du aufhörst, ständig über das Netz zu klettern, um das Spiel des anderen zu beeinflussen.
Strategie Nummer 4 – Du bist nicht für das Spielfeld des anderen verantwortlich.
Wenn beim anderen Elternteil Termine häufiger ausfallen, Absprachen schwierig einzuhalten sind oder der Alltag oft unvorhersehbar wird, dann ist das erst einmal sein Spielfeld. Du darfst helfen. Du musst aber nicht ständig retten. Denn jedes Mal, wenn du seine Seite mit aufräumst, bleibt weniger Kraft für deine eigene Hälfte.
Und genau die braucht dein Kind. Und ja, leider wird dein Kind manchmal erleben, dass der andere Elternteil Termine nicht einhalten kann, überfordert ist oder Dinge anders laufen als geplant. Das kannst du oft nicht verhindern. Was du aber tun kannst: Dein Kind darauf vorbereiten und ihm Strategien an die Hand geben, wie es mit solchen Situationen umgehen kann.
Strategie Nummer 5 – Der andere antwortet nicht.
Hier kannst du eine klare Frist zu setzen. Zum Beispiel: „Ich brauche deine Rückmeldung bis Sonntagabend. Wenn ich bis dahin nichts höre, gehe ich davon aus, dass du mit dem Vorschlag einverstanden bist und treffe die Entscheidung entsprechend.“
Oder: „Wenn ich bis Freitag keine Antwort bekomme, buche ich den Urlaub wie geplant.“ Das ist keine Drohung. Und keine Strafe. Es beendet nur den Schwebezustand. Denn auch Nicht-Entscheidungen sind Entscheidungen. Und manchmal brauchen Kinder einen Erwachsenen, der Verantwortung übernimmt, wenn Entscheidungen dauerhaft aufgeschoben werden.
Und jetzt kommt der zweite wichtige Teil: Auch euer Kind ist nicht euer Balljunge.
Kinder sind nicht dafür da, Bälle von einer Spielfeldhälfte auf die andere zu tragen. Sie sollen keine Nachrichten überbringen. Keine Forderungen weitergeben. Keine Diskussionen führen. Keine Erwachsenenprobleme lösen.
Natürlich kann dein Kind mit dir zusammenarbeiten. Wenn es bei dir ist, könnt ihr gemeinsam überlegen: „Denk bitte daran, deine Sportsachen mitzunehmen.“ Oder: „Pack bitte deine Lieblingsjacke ein.“ Wie kannst du damit umgehen, wenn Mama wütend ist oder traurig? Oder ihr euch streitet? Das sind die Dinge des Kindes. Aber Elternsachen bleiben Elternsachen. Du rufst deinem Kind nicht hinterher: „Sag deiner Mutter noch …“ Oder: „Frag deinen Vater mal …“
Und genauso wenig ruft ein Elternteil dem anderen zu: „Ach, sag unserem Sohn bitte noch…“ Nein, das können sie selbst machen. Notfalls rufen sie eben nochmal an.
Denn in dem Moment müssen wieder du oder das Kind den Ball vom anderen Elternteil aufheben obwohl ihr schon längst wieder auf eurer Hälfte seid und über das Netz tragen Das ist nicht eure Aufgabe. Kinder klären Elternteilsachen mit dem Elternteil, zu dem sie gehören. Eltern klären Elternsachen untereinander.
Das Kind muss auch nicht das Spielfeld des anderen Elternteils aufräumen.
Manchmal übernehmen Kinder plötzlich Verantwortung für Dinge, für die sie gar nicht verantwortlich sind. Zum Beispiel sagt ein Kind: „Mama geht es gerade nicht gut. Dann bleibe ich lieber bei Papa, damit sie sich ausruhen kann.“ Oder: „Papa hat gerade so viel Stress. Dann frage ich lieber gar nicht, ob wir etwas zusammen machen.“
Auf den ersten Blick wirkt das unglaublich vernünftig. Viele Erwachsene sind sogar stolz darauf. „Guck mal, wie rücksichtsvoll mein Kind ist.“ Aber eigentlich passiert etwas ganz anderes. Das Kind räumt gerade das Spielfeld eines Erwachsenen auf. Es verzichtet auf eigene Wünsche. Es trägt Verantwortung für die Gefühle eines Elternteils.
Genau das sollte eigentlich nicht seine Aufgabe sein. Natürlich dürfen Kinder mitfühlend sein. Natürlich dürfen sie sagen: „Ich hoffe, Mama geht es bald besser.“ Oder: „Ich wünsche Papa gute Besserung.“ Mitgefühl ist etwas Schönes. Verantwortung ist etwas anderes.
Wenn ein Umgang ausfällt, weil ein Elternteil krank ist oder einen Termin absagen muss, dann ist das eine Entscheidung und Verantwortung des Erwachsenen. Nicht die des Kindes. Das Kind darf traurig sein. Es darf enttäuscht sein. Es darf sich etwas anderes wünschen. Und es muss sich dafür nicht schuldig fühlen.
Denn Kinder sollen nicht lernen: „Ich muss auf meine Bedürfnisse verzichten, damit es Mama oder Papa besser geht.“ Sondern: „Ich darf meine Bedürfnisse haben und Erwachsene kümmern sich um ihre Verantwortung.“
Bist du dir nicht immer sicher, ob eine Absage angemessen ist? Manchmal hilft eine Kontrollfrage. Stell dir vor, es gäbe gar keinen zweiten Elternteil. Würdest du jetzt dieselbe Hilfe von einer Freundin erwarten? Von einem Nachbarn? Von den Eltern eines Freundes deines Kindes? Oder würdest du sagen: ‚Das ist meine Verantwortung, dafür muss ich selbst eine Lösung finden?‘ Natürlich gibt es Ausnahmen. Wenn jemand ins Krankenhaus muss oder plötzlich ein echter Notfall eintritt, dann springen Menschen füreinander ein. Aber wenn aus einer Ausnahme langsam ein Dauerzustand wird, lohnt sich diese Frage.
Und was, wenn das Kind den Termin verschieb?
Natürlich. Wenn euer Kind sagt: „Ich würde lieber um elf wechseln als um zehn.“ Dann ist das eine wichtige Information. Diese Wünsche dürfen gehört werden. Sie dürfen ernst genommen werden. Aber danach ist das Kind erst einmal fertig.
Jetzt sprechen die Erwachsenen. Nicht vor dem Kind. Nicht mit dem Kind. Nicht über das Kind. Das Kind darf mitreden. Es soll aber nicht verhandeln.
Und noch etwas: Je älter und selbstständiger ein Kind wird, desto mehr Gewicht bekommt auch sein eigener Wille. Denn irgendwann beeinflusst seine Entscheidung die Planung der Erwachsenen kaum noch. Ein Jugendlicher, der problemlos ein Wochenende allein zu Hause verbringen könnte, bringt seine Eltern nicht mehr automatisch in eine Betreuungssituation.
Bei einem kleinen Kind ist das anders. Deshalb verändert sich mit dem Alter auch, wie viel Mitspracherecht sinnvoll und möglich ist. Eines bleibt aber gleich: Kinder dürfen ihre Wünsche äußern. Die Verantwortung für den Elternkonflikt tragen trotzdem die Erwachsenen.
Gefühle begleiten statt Ausreden finden
Viele Eltern versuchen ihr Kind zu schützen, indem sie alles schönreden. „Papa konnte leider nicht, weil er arbeiten musste.“ „Mama hatte bestimmt einen guten Grund.“ Manchmal stimmt das. Manchmal auch nicht. Aber immer haben Eltern die Verantwortung, Zeit für ihr Kind zu finden.
Ich glaube, Kinder spüren sowieso irgendwann die Schieflage, egal wie gut die Geschichte dahinter ist. Und dann brauchen sie einen ehrlichen, mitfühlenden Erwachsenen, keine Ausreden oder Beschönigungen. Man kann sagen: „Ich sehe, dass du traurig bist.“ „Mich macht das auch traurig.“ „Ich hätte mir gewünscht, dass es anders gelaufen wäre. Aber ich kann da leider nichts machen.“
Mehr braucht es oft gar nicht. Das Kind merkt: Meine Gefühle sind richtig. Und gleichzeitig muss es nicht Partei ergreifen. Damit es das erleben kann, braucht ein Kind mindestens einen Erwachsenen, der es darin unterstützt. Das muss nicht einmal Mutter oder Vater sein. Das kann Oma sein. Ein Opa. Eine Tante. Ein Stiefelternteil. Ein Trainer. Eine Lehrerin. Jemand, bei dem das Kind weiß: „Hier muss ich nichts beweisen.“ „Hier muss ich mich für niemanden entscheiden.“ „Hier darf ich einfach Kind sein.“ Je größer dieses Netz ist, desto weniger hängt die Sicherheit des Kindes an einer einzigen Person.
Und noch etwas Praktisches.
Wenn ihr wisst, dass Termine manchmal kurzfristig platzen: Überlegt euch vorher einen Plan B. Baut euch ein Auffangnetz auf. Nicht erst, wenn das Handy klingelt. Vielleicht kann das Kind spontan zu einem Freund. Vielleicht zur Oma. Vielleicht macht ihr euren dann fahren wir ins Schwimmbad Notfallplan. Ja, wirklich. Warum nicht? Kinder erinnern sich oft viel stärker daran, dass sie nach einer Enttäuschung trotzdem einen schönen Nachmittag hatten, als daran, warum der Termin ausgefallen ist.
Zum Schluss möchte ich euch noch einen Gedanken mitgeben, den ich sehr hilfreich finde. Parallel Parenting bedeutet nicht, beim anderen Elternteil etwas zu verändern. Es geht auch nicht darum, den anderen Elternteil zu bewerten. Es geht darum, die eigene Energie wieder dorthin zu lenken, wo man tatsächlich etwas gestalten kann. Es bedeutet, sich selbst und das Kind vor dem Konflikt zu schützen. Ihr könnt den anderen Elternteil meistens nicht steuern. Ihr könnt ihn nicht vernünftiger machen. Nicht zuverlässiger. Nicht einsichtiger. Aber ihr könnt entscheiden, wie es eurem Kind bei euch geht.
Ob es bei euch Ruhe findet. Ob es Ehrlichkeit erlebt. Ob es Sicherheit erlebt. Ob es erlebt, dass Erwachsene Konflikte tragen, ohne sie auf Kinder abzuladen. Vielleicht verändert das den anderen Elternteil nicht. Aber es verändert die Kindheit eures Kindes. Und das ist am Ende wahrscheinlich der größte Unterschied, den ihr machen könnt.
