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Kommunikation – Sag mir, was du willst ODER wie du dich fühlst

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Kommunikation wirkt auf den ersten Blick einfach: Einer sagt etwas – der andere hört zu. Aber so funktioniert es nicht. Nach dem Modell von Friedemann Schulz von Thun enthält jede Nachricht mehrere Ebenen gleichzeitig:

  • eine Information
  • eine Aufforderung
  • ein Gefühl
  • und eine Aussage über die Beziehung

Wenn ich sage: „Der Laptop ist noch an.“ dann kann das gleichzeitig bedeuten:

  • eine Feststellung
  • eine Aufforderung
  • ein genervtes Gefühl
  • oder eine Bewertung

Und genau hier entstehen Missverständnisse: Der eine sendet alles gleichzeitig. Der andere hört vielleicht nur einen Teil. Kommunikation ist also nie eindeutig. Sondern immer mehrschichtig.

Warum Kommunikation mehr ist als Technik

Ich finde Kommunikation sehr faszinierend. Wie kleine Änderungen im Gesagten, aber auch im Ton, in der Körpersprache etc. einen riesigen Unterschied machen können. Gerade in der Zusammenarbeit und dem Zusammenleben mit neurodivergenten Menschen werden da oft zwei verschiedene „Sprachen“ gesprochen. Emotionen, Wörter, Tonfall, Körpersprache werden unterschiedlich ausgesendet, empfangen und verarbeitet.

In manchen Situationen, bei einem gerade überforderten Nervensystem oder bei einem Konflikt, kann es helfen, die verschiedenen Ebenen bewusst getrennt zu vermitteln, anstatt sie zu vermischen. Das lernt man auch in Kursen zu Elterntraining oder beim Konfliktmanagment. Es ist eine wichtige Fähigkeit. Nicht mischen. Erst die Emotion. Dann der Appell. Vielleicht sogar zu unterschiedlichen Tageszeiten oder in unterschiedlichen Situationen. Da kann es helfen, Kommunikation zu vereinfachen: klarer, direkter, reduzierter.

Und ja – das funktioniert. Und es ist nur die halbe Geschichte. Denn: Das ist keine Regel für alle Situationen. Und kein Ziel für immer. Kommunikation in Beziehung besteht nicht darin, alles auseinanderzuhalten. Sondern darin, nach und nach mehr gleichzeitig verstehen zu können.

Das Missverständnis

Viele Kommunikationstrainings üben mit dir:

  • Appell und Emotion trennen
  • Ich-Botschaften sauber formulieren
  • Keine „verwirrenden“ Mischungen

Und das kann im Alltag helfen bewusster zu Kommunizieren. Aber wenn wir da stehen bleiben, passiert auch noch etwas anderes. Kommunikation wird mechanischer, weniger lebendig. Manchmal öffnen sich dadurch neue Verständnisebenen. Manchmal führt die Reduktion woanders hin. Manchmal ist genau das didaktisch sinnvoll. Und manchmal ist es nicht lebensnah. Ich möchte zu den Ebenen der Kommunikation, deren Trennung und deren Vermischung vier andere Aspekte hinzufügen:

1. Klarheit

Was ist mir gerade wichtig? Will ich, dass etwas passiert? Oder will ich verstanden werden? Wenn ich das selbst nicht weiß, kann mein Gegenüber es auch nicht erraten.

2. Kapazität

Wie viel kann mein Gegenüber gerade aufnehmen? Ein Kind im Stress kann oft nur eins: entweder Inhalt oder Gefühl. Ein reguliertes Kind kann vielleicht beides. Außerdem: Nicht jede Situation trägt Komplexität. Wenn gerade die Milch ausgelaufen ist, hat der Monolog über die eignen Gefühle vielleicht nicht Priorität. Wenn ich und mein Gegenüber gerade gut aufeinander eingeschwungen sind, geht plötzlich alles auf einmal.

3. Dosierung

Wie viel gebe ich hinein? Es geht nicht darum, Emotion zu unterdrücken. Und auch nicht darum, sie ungefiltert auszuleben. Sondern darum, sie so zu zeigen, dass sie spürbar, aber nicht überwältigend ist.

4. Meine eigene Kapazität

Bin ich in der Lage, gerade fein zu kommunizieren? Wenn nicht, ist Ehrlichkeit oft stabiler als Perfektion: „Ich bin gerade zu genervt für eine gute Erklärung. Räum bitte dein Zimmer auf. Wir reden später.“ Das ist nicht schlechter. Das ist tragfähig. Die Fähigkeit der bewussten Selbststeuerung und des bewussten Anschauens ist immer ein Gewinn und nicht immer möglich. Manchmal kann ich das leisten, manchmal das Gegenüber, manchmal können es gerade beide und manchmal keiner von beiden.

Kommunikation ist keine Einbahnstraße

Wenn wir anfangen, unsere Botschaften immer weiter zu vereinfachen, damit sie „ankommen“, passiert etwas mit uns:

  • Beziehung wird reduziert
  • Ausdruck wird gefiltert
  • Echtheit wird leiser

Das kann kurzfristig helfen. Langfristig entsteht etwas anderes: Eine Kommunikation, die funktioniert – aber nicht mehr vollständig ist. Und das ist weder gesund noch fair. Nicht für die Eltern. Und auch nicht für das Kind. Denn Beziehung bedeutet nicht, dass einer sich reduziert, damit es leichter wird. Beziehung bedeutet: Dass beide Seiten lernen, klarer zu senden und komplexer zu empfangen. Denn sonst kann Reduktion auf Dauer zu Einsamkeit führen.

In vielen Ratgebern zu Beziehungen mit Autismus wird genau diese Dynamik beschrieben.

Zum Beispiel in 22 Things a Woman Must Know If She Loves a Man with Asperger’s Syndrome. Frauen berichten dort immer wieder, dass sie beginnen, ihre Kommunikation anzupassen: Klarer. Direkter. Reduzierter. Weil es sonst zu Missverständnissen oder Überforderung kommt. So gibt es weniger Konflikte. Mehr Struktur. Mehr „Funktionieren“. Aber innerlich passiert oft etwas anderes:

  • Gefühle werden zurückgehalten
  • Zwischentöne verschwinden
  • Ausdruck wird vereinfacht

Und irgendwann entsteht ein leiser, schwer greifbarer Zustand: Einsamkeit. Nicht, weil niemand da ist. Sondern weil man sich selbst immer weniger vollständig vorkommt.

Die Autorin stellt klar, dass das kein Vorwurf ist. Und kein Beweis dafür, dass jemand „falsch“ ist. Es beschreibt eine Dynamik, die entstehen kann, wenn Kommunikation dauerhaft vereinfacht wird, um sie verarbeitbar zu machen. Und genau deshalb reicht es nicht, nur zu fragen:

„Was funktioniert besser?“

Sondern auch:

„Was bleibt dabei auf der Strecke?“

Die Frage der Ebenen sollte also nicht pauschal mit getrennt oder gemischt beantwortet werden, wie so vieles im Leben. Es gehört noch etwas anderes dazu. Es sind viele Stellschrauben. Das macht es vielleicht kompliziert und komplex aber auch flexibel und anpassbar: Ist mein Gegenüber gerade in der Lage, das zu verarbeiten? Und bin ich es auch? Manchmal ist Trennung sinnvoll. Manchmal Mischung. Fast immer braucht es Dosierung. Und gleichzeitig gilt: Nicht jedes Kind wird die gleiche Komplexität erreichen. Es geht nicht um „höher, weiter, mehr“. Sondern um das, was für dieses Kind, diesen Menschen, gerade möglich ist.

ADHS: Wenn Integration schwerfällt

Viele Menschen mit ADHS hören Anfragen oft als Druck oder als Schuldzuweisung oder wirken unaufmerksam, weichen aus oder kommen nicht in die Umsetzung, weil ihr Fokus gerade woanders ist. Wenn gerade die Fähigkeit zum Sortieren und Interpretieren fehlt und es dann auch noch umgesetzt werden soll, ist die schnelle Lösung, Kommunikation zu vereinfachen. Das hilft oft im Moment.

Aber wenn es dabei bleibt, entsteht ein Ungleichgewicht: Das Umfeld reduziert sich und lässt Teile von sich weg. Das ist verständlich. Aber auf Dauer weder gesund noch fair. Denn Beziehung heißt auch: Ich lerne, dass jemand gleichzeitig etwas will und etwas fühlt – und dass ich beides hören kann.

Und gleichzeitig gilt auch die andere Richtung: Es gibt viele Menschen mit ADHS, die selbst sehr viel gleichzeitig senden und oft auch viel gleichzeitig aufnehmen. Gedanken, Gefühle, Impulse – oft herrlich ungefiltert, energetisch, ansteckend und parallel. Für das Umfeld kann das belebend und auch überfordernd sein. Dann fehlt nicht die Information, sondern die Struktur. Auch hier braucht es Lernen: nicht alles gleichzeitig rauszugeben, sondern zu gewichten, zu sortieren und zu dosieren.

Manchmal betrifft ADHS die Aufnahme – und manchmal die Dosierung von dem, was gesendet wird. Das gilt in beide Richtungen – ADHSler und Nicht-ADHSler

Autismus: Wenn Klarheit entlastet – und Entwicklung trotzdem nötig bleibt

Bei Autismus ist die Verarbeitung oft anders organisiert. Viele autistische Menschen profitieren stark von:

  • klaren, eindeutigen Botschaften
  • wenig Mehrdeutigkeit
  • reduzierter emotionaler Gleichzeitigkeit

Das ist keine Schwäche. Das ist eine andere Art, Information zu verarbeiten. Autistische Menschen sprechen eine andere Sprache und nehmen Dinge im Gegenüber wahr, die nicht-autistische Menschen oft nicht intuitiv erfassen. Das sieht für autistische Menschen dann manchmal aus wie zwei verschiedene Botschaften vom Gegenüber, die nicht zusammenpassen. (Für nicht autistische Menschen übrigens auch, was den Autisten betrifft. Man kann sich gegenseitig nicht „lesen“.) Dann kommt logischerweise die Frage: Auf was reagiere ich jetzt? Und dann direkt das Problem: Wie reagiere ich? In meiner Sprache oder der des Gegenübers? Ein spannendes Prinzip in dem Zusammenhang ist das der Double Empathie. Deshalb ist es sinnvoll, Kommunikation zunächst zu vereinfachen. Auf beiden Seiten.

  • klare Appelle
  • klar benannte Gefühle
  • wenig Vermischung in belasteten Situationen

Das stabilisiert. Aber auch hier gilt: Stabilisierung ist nicht das Ziel. Sie ist die Voraussetzung. Wenn Kommunikation dauerhaft vereinfacht bleibt:

  • werden Zwischentöne nicht geübt
  • bleibt Mehrdeutigkeit fremd
  • wird Beziehung funktional, aber flach

Deshalb braucht es auch hier Entwicklung: Von klar und reduziert hin zu vorsichtig integrierter Kommunikation. In kleinen Schritten. In passenden Momenten. Mit wachsender Kapazität. Auf beiden Seiten.

Entwicklung statt Dauerlösung

Viele Strategien aus dem Elterntraining haben ein klares Ziel: Das System zu stabilisieren. Wenn Kommunikation eskaliert oder überfordert, braucht es Vereinfachung:

  • klare Ansagen
  • reduzierte Emotion
  • wenig Mischung

Das ist sinnvoll. Und oft notwendig. Aber es ist keine Endstufe. Wenn wir in dieser Reduktion bleiben:

  • lernen Kinder nur einfache Botschaften zu verarbeiten
  • wird Komplexität vermieden statt aufgebaut
  • bleibt Beziehung funktional statt lebendig

Oder klarer: Was als Hilfe gedacht war, wird zur Begrenzung. Deshalb braucht es Bewegung:

  1. Wenn wir in der Überforderung sind, hilft Reduktion.
  2. Herrscht gerade Stabilität, darf Erweiterung stattfinden.
  3. Kommt eine neue Überforderung, dürfen wir wieder reduzieren.

Hier liegt aber auch eine wichtige Grenze. Es geht nicht darum, dass jedes Kind am Ende jede Form von komplexer Kommunikation vollständig integriert. Fähigkeiten sind unterschiedlich:

  • in Tempo
  • in Tiefe
  • in Belastbarkeit

Wenn aus „Förderung“ ein Anspruch wird, entsteht Druck. Und Druck zerstört genau das, was wir eigentlich aufbauen wollen: Beziehung und Sicherheit. Das Ziel ist deshalb nicht maximale Komplexität. Sondern: Die Komplexität, die für dieses Kind möglich und tragfähig ist. Entwicklung sollte nicht aufhören, nur weil sie anstrengend ist. Sie soll aber auch keine Dauerbelastung werden.

Was Kinder dabei lernen dürfen

Nicht nur: „Ich räume mein Zimmer auf“, sondern auch:

  • „Ich kann hören, dass jemand genervt ist, ohne daran kaputtzugehen“
  • „Ich kann verstehen, was jemand will und wie es ihm geht“
  • „Beides darf gleichzeitig existieren“

Das ist Beziehungskompetenz und Kommunikationskompetenz.

Und was Eltern nicht verlieren sollten

Sich selbst. Wenn Kommunikation dazu führt, dass du deine Emotion nur noch erklärst, aber nicht mehr fühlbar bist, dann wird sie zwar verständlich – aber leer.

Beziehung wächst durch ein Einschwingen aufeinander. Nicht, indem einer sich immer nur auf den anderen zubewegt – und dort stehen bleibt. Gute Kommunikation ist kein Schema. Sie ist ein Abgleich. Von Klarheit. Von Kapazität. Von Dosierung. Von Entwicklung. Und von Miteinander. Manchmal braucht sie Vereinfachung, damit sie nicht bricht. Aber sie braucht auch Erweiterung, damit sie wachsen kann.