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Schulbegleitung bei ADHS und Autismus: Was sie leisten kann – und was nicht

Eine Schulbegleitung kann für ein Kind mit ADHS oder Autismus einen enormen Unterschied machen. Sie kann dem Kind dabei helfen, überhaupt am Unterricht teilzunehmen, Kontakte zu Mitschülern aufzubauen, Überforderung rechtzeitig zu erkennen oder den Schulalltag zu strukturieren. Aber Schulbegleitung kann auch schieflaufen. Dann sitzt plötzlich ein Erwachsener neben dem Kind, erinnert, ermahnt, schreibt Aufgaben ab, löst Konflikte und übernimmt Dinge, die das Kind vielleicht selbst lernen könnte. Für mich steckt deshalb hinter guter Schulbegleitung immer eine zentrale Frage: Wie kann ich das Kind heute so begleiten, dass es etwas morgen vielleicht schon alleine schafft?

Wann kann eine Schulbegleitung sinnvoll sein?

Nicht jedes Kind mit ADHS oder Autismus braucht eine Schulbegleitung. Eine Diagnose allein reicht dafür auch nicht aus. Entscheidend ist, wie stark das Kind durch seine Schwierigkeiten tatsächlich an der Teilhabe am Schulalltag gehindert wird. Ein Kind kann beispielsweise Unterstützung brauchen, weil es sich im Unterricht kaum selbst strukturieren kann, in sozialen Situationen regelmäßig überfordert ist, Kommunikation mit Lehrkräften schwerfällt oder es bei Reizüberflutung nicht selbstständig für eine notwendige Pause sorgen kann. Manchmal können auch vereinbarte Hilfen oder Nachteilsausgleiche ohne zusätzliche Unterstützung kaum praktisch umgesetzt werden. Dabei ist wichtig: Eine Schulbegleitung ist keine Nachhilfe und keine zweite Lehrkraft. Sie soll Teilhabe ermöglichen.

Wie beantragt man eine Schulbegleitung?

Manchmal kommt der erste Hinweis von der Schule. Manchmal beobachten Eltern selbst, dass ihr Kind trotz aller Bemühungen nicht zurechtkommt. Auch Kinder- und Jugendpsychiater, Psychologen, Beratungsstellen oder andere Fachkräfte können eine Schulbegleitung ins Gespräch bringen. Bei einer seelischen oder drohenden seelischen Behinderung kann Eingliederungshilfe nach § 35a SGB VIII beim Jugendamt beantragt werden.

Dabei bedeutet „seelische Behinderung“ nicht einfach, dass ein Kind eine psychische oder neuroentwicklungsbedingte Diagnose hat. Entscheidend ist, ob dadurch seine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben erheblich beeinträchtigt ist. Der von uns beispielhaft betrachtete Antrag fragt unter anderem nach der Schule des Kindes, bereits erfolgten Hilfen und Therapien sowie vorhandenen fachärztlichen Stellungnahmen. Besonders wichtig ist die Beschreibung, warum die Eingliederungshilfe aus Sicht der Eltern notwendig ist. Eltern können außerdem eigene Wünsche und Vorstellungen zur Gestaltung der Hilfe angeben. Dem konkreten Antrag sollen unter anderem eine aktuelle fachärztliche Stellungnahme, die letzten beiden Zeugnisse und der Stundenplan beigefügt werden. Bei anderen Formen von Behinderung können andere Träger der Eingliederungshilfe zuständig sein.

Und dann? Das Hilfeplangespräch

Mit der Bewilligung ist die Sache nicht erledigt. Jetzt kommt ein Teil, den ich besonders wichtig finde: Was soll die Schulbegleitung mit diesem Kind eigentlich erreichen? Dafür gibt es Hilfeplangespräche.

Eltern und Kind werden an der Planung beteiligt; hinzu kommen Fachkräfte des Jugendamtes und des Hilfeerbringers. Die Ergebnisse werden in einem Hilfeplan festgehalten und bilden die Grundlage der weiteren Arbeit. Dort können ganz konkrete Ziele vereinbart werden: Ein Kind soll beispielsweise lernen, einen Lehrer selbst um Hilfe zu bitten. Es soll seine Aufgaben zeitlich besser strukturieren, an Gruppenarbeiten teilnehmen oder früher bemerken können, wann die Reizbelastung so hoch wird, dass es eine Pause braucht. Und genau daraus ergibt sich die eigentliche Arbeit der Schulbegleitung.

Nicht abnehmen, sondern befähigen

Nehmen wir ein Kind, das Schwierigkeiten mit Gruppenarbeiten hat. Die einfachste Lösung wäre, es immer aus der Gruppenarbeit herauszunehmen und mit ihm alleine zu arbeiten. Das kann in einer akuten Überforderung durchaus sinnvoll sein. Wenn es aber immer passiert, lernt das Kind dadurch möglicherweise nicht, wie Gruppenarbeit funktionieren kann.

Eine Schulbegleitung könnte stattdessen zunächst vermitteln: Wie frage ich andere Kinder, ob ich mitarbeiten kann? Welche Aufgabe könnte zu meinen Stärken passen? Wie merke ich, dass mir die Situation zu viel wird? Wie hole ich mir Unterstützung? Und irgendwann bleibt die Schulbegleitung vielleicht nur noch im Hintergrund.

Die Schulbegleitung als Cowboy

Ich vergleiche eine gute Schulbegleitung deshalb manchmal mit einem Cowboy. Der muss nicht die ganze Zeit mitten im Geschehen stehen. Er sitzt bildlich gesprochen hinten im Klassenzimmer. Das Kind macht erst einmal selbst. Und wenn es schwierig wird, reitet der Cowboy heran, hilft dabei, die Situation zu klären – und zieht sich anschließend wieder zurück. Denn möglichst viel Hilfe ist nicht automatisch gute Hilfe. So viel Unterstützung wie nötig und so viel Selbstständigkeit wie möglich wäre für mich das bessere Ziel.

Manchmal braucht es aber keine neue Fähigkeit, sondern eine „Step Ladder“

Dabei gibt es noch eine wichtige Unterscheidung. Nicht jede Schwierigkeit eines Kindes muss wegtrainiert werden. Manchmal können wir einem Kind eine Fähigkeit vermitteln. Manchmal braucht es stattdessen eine Art Step Ladder – eine Trittleiter, mit deren Hilfe es dasselbe Ziel erreichen kann.

Ein Kind hat beispielsweise große feinmotorische Schwierigkeiten und kann kaum längere Texte mit der Hand schreiben. Natürlich kann man Schreiben üben. Man kann ihm aber auch ermöglichen, auf einem Tablet oder Laptop zu tippen. Das Ziel ist schließlich nicht, dass jedes Kind auf exakt demselben Weg arbeitet. Das Ziel ist, dass es teilhaben und zeigen kann, was es kann. Eine gute Schulbegleitung muss deshalb immer wieder unterscheiden: Was kann dieses Kind lernen? Und wo braucht es eine passende Unterstützung, weil die Schwierigkeit nicht einfach durch mehr Übung verschwindet?

Wenn Hilfe abhängig macht

Genau hier kann Schulbegleitung aber auch problematisch werden. Wir haben selbst erlebt, dass eine Begleitung unserem Kind sehr viel abgenommen hat. „Das kann ich nicht“ führte dann schnell dazu, dass die Erwachsene schrieb, organisierte oder Aufgaben übernahm. Das ist verständlich und häufig gut gemeint. Aber wenn ein Kind etwas eigentlich selbst kann und die Schulbegleitung es dauerhaft übernimmt, kann Unterstützung Selbstständigkeit sogar verhindern.

Das andere Extrem ist die Schulbegleitung als permanenter Aufpasser: Sie sitzt neben dem Kind, beobachtet jede Bewegung und ermahnt es, sobald es von den Erwartungen abweicht. Ein Satz wie „Mach es doch einfach wie die anderen“ ist gerade bei einem Kind mit ADHS oder Autismus wenig hilfreich. Denn möglicherweise kann dieses Kind es gerade nicht wie die anderen. Die spannendere Frage lautet: Wie kann es seinen eigenen Weg finden?

Schulbegleitung braucht auch Kompetenz

Ein weiteres Problem ist die sehr unterschiedliche Qualifikation von Schulbegleitungen. Wir haben engagierte Quereinsteiger erlebt, die ihre Aufgabe hervorragend gemacht haben. Gleichzeitig haben wir erlebt, wie Begleitungen in schwierigen Situationen überfordert waren oder nach kurzer Zeit wieder aufgehört haben. Gerade bei Kindern, die in Überforderung impulsiv oder aggressiv reagieren können, reicht guter Wille allein nicht immer aus. Eine Schulbegleitung muss wissen, wie sie mit Eskalationen umgeht, ohne sie zusätzlich zu verstärken.

Wenn eine Begleitung mitten im Schuljahr ausfällt, kann das für Familien erhebliche Folgen haben. Im schlimmsten Fall fehlt kurzfristig die Unterstützung, die notwendig ist, damit das Kind überhaupt zuverlässig am Unterricht teilnehmen kann. Deshalb sollte bei der Auswahl nicht nur gefragt werden: Ist jemand verfügbar? Sondern auch: Passt diese Person zu diesem Kind und zu seinem konkreten Unterstützungsbedarf?

Wenn die Schulbegleitung nicht passt

Eltern müssen eine problematische Situation nicht einfach hinnehmen. Der Hilfeplan wird gerade deshalb regelmäßig überprüft. Eltern bleiben an wichtigen Entscheidungen über Art, Umfang, Zielsetzung und Hilfeerbringer beteiligt.

Wenn eine Schulbegleitung dem Kind dauerhaft Dinge abnimmt, Konflikte verschärft, die vereinbarten Ziele nicht verfolgt oder schlicht nicht zum Kind passt, sollte das angesprochen werden. Dabei geht es nicht darum, dass Kind und Schulbegleitung sich immer mögen müssen oder dass jede schwierige Situation ein Grund für einen Wechsel ist. Aber die entscheidende Frage darf immer wieder gestellt werden: Hilft diese Begleitung dem Kind tatsächlich dabei, besser am Schulalltag teilzunehmen und seine eigenen Möglichkeiten zu entwickeln?

Gute Schulbegleitung erkennt man nicht daran, wie viel sie tut

Vielleicht ist das für mich der wichtigste Gedanke. Eine gute Schulbegleitung muss nicht möglichst beschäftigt aussehen. Manchmal ist ihre beste Leistung, nicht einzugreifen. Sie beobachtet. Sie wartet. Sie lässt das Kind ausprobieren. Sie hilft, wenn Hilfe notwendig wird. Und sie zieht sich wieder zurück, sobald das Kind selbst übernehmen kann.

Denn am Ende sollte Schulbegleitung nicht bedeuten:

„Ohne mich kannst du das nicht.“

Sondern:

„Ich helfe dir herauszufinden, wie du es schaffen kannst – mit deinen eigenen Fähigkeiten und mit den Hilfsmitteln, die du brauchst.“