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Ich bin halt so – reicht das?

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„Ich bin halt so. Ich sage halt die Wahrheit.“ Das klingt erstmal stark. Klar. Direkt. Ehrlich. Deshalb bin ich jetzt mal ehrlich: Oft steckt dahinter etwas anderes. Ist es wirklich einfach nur das Durchsetzen einer allgemeinen Wahrheit? Oder vielleicht auch Bequemlichkeit? Recht haben wollen? Sich nicht bewegen wollen?

Ehrlich oder authentisch?

Vielleicht verwechseln wir zwei Dinge: ehrlich sein und authentisch sein. Ehrlich heißt: Ich sage, was ich denke. Authentisch heißt: Ich stehe zu mir – und bleibe trotzdem in Verbindung. Egal, ob du ehrlich oder authentisch bist: Du kannst am anderen vorbeigehen – oder darauf achten, wie es bei ihm ankommt. Genau da beginnt der Unterschied, über den ich heute sprechen möchte.

Zwei Formen von Ehrlichkeit

Ich habe darüber in den letzten Tagen viel nachgedacht. Und mir ist aufgefallen: Es gibt zwei Formen von Ehrlichkeit. Die eine ist: Ich sage, was ich denke – und bleibe dabei stehen. Die andere ist: Ich sage, was ich denke – und bleibe im Kontakt.

Die typische Eskalation

Viele Konflikte entstehen genau hier. Der eine sagt etwas und denkt, er hat recht. Der andere fühlt sich angegriffen und denkt auch, dass er recht hat. Und dann passiert etwas ganz Typisches: Der eine sagt: „Das habe ich doch gar nicht so gemeint.“ Und der andere sagt: „Aber so ist es bei mir angekommen.“ Und beide haben recht. Denn es gibt zwei Ebenen: das, was gesagt wurde, und das, was gemeint wurde.

Wenn es persönlich wird

Genau da geraten mein Freund und ich uns manchmal in die Wolle. Weil ich auf die Wirkung schaue und er auf die Aussage. Und wenn man das nicht auseinanderhalten kann, kämpft man plötzlich darum, wer recht hat, statt zu klären, was eigentlich passiert ist.

Was hat das mit Autismus zu tun?

Erstmal weniger, als viele denken. Was aber eine Rolle spielen kann, ist dieses starke Gefühl von: „Das ist falsch. Das muss korrigiert werden.“ Dieses Bedürfnis, Dinge richtigzustellen oder Ungerechtigkeiten nicht stehen lassen zu können, kann sehr intensiv sein. Und dann fühlt sich Nicht-Korrigieren fast wie falsch an.

Gleichzeitig fällt es vielen Menschen im Autismus-Spektrum-Störung schwerer, spontan zu erfassen, was im Gegenüber vorgeht – also Gedanken, Beweggründe oder emotionale Reaktionen. Stattdessen geben klare, feste Einordnungen Sicherheit. Ein äußeres System, das stabil wirkt. Miteinander ist dagegen beweglicher, voller Ausnahmen, oft weniger eindeutig. Und genau das kann anstrengend sein, weil es verlangt, gleichzeitig in klaren Strukturen und in Ausnahmen zu denken.

Wenn Ehrlichkeit zum Druck wird

Und dann passiert etwas Entscheidendes: Ehrlichkeit ist nicht mehr nur eine Entscheidung, sondern ein innerer Druck. Und dieser Druck wird oft rational begründet mit: „Aber es ist doch falsch.“

Nur weil sich etwas falsch anfühlt, heißt das aber nicht, dass es für den anderen falsch ist. Wir sehen immer nur unseren Ausschnitt.

Ja, es gibt Fakten. 2 + 2 = 4. Aber die meisten Konflikte entstehen nicht bei Fakten – sondern bei Situationen, die mehr als eine Perspektive haben.

Die Sache mit den Löffeln

Du denkst: Die Löffel gehören unter die Kaffeemaschine. Das ist logisch. Aber jemand anderes hat sie woanders hingelegt. Du findest das unpraktisch oder falsch und deutest auf den „Fehler“ hin. Vielleicht räumst du sogar um. Aber vielleicht liegen die Löffel aus einem guten Grund woanders. Vielleicht wird dort gekocht. Vielleicht kommt man sonst schlecht dran. Vielleicht passt es im Alltag dieser Person einfach besser. Und plötzlich merkst du: Es ging nie darum, wer recht hat, sondern welche Realität du gerade nicht gesehen hast.

Empathie verstehen

Wenn wir über Empathie sprechen, meinen wir oft nur ein Gefühl. Aber eigentlich gibt es zwei Dinge: kognitive Empathie – also das Verstehen, was beim anderen passiert – und emotionale Empathie – das Mitfühlen. Und bei Autismus ist es oft so, dass dieses schnelle Erfassen schwerer fällt. Das heißt aber nicht, dass kein Mitgefühl da ist. Viele können sehr wohl mitfühlen, wenn sie verstanden haben, was gerade passiert ist.

Sprache als Brücke

Und genau da kommt Sprache ins Spiel. Nicht jeder merkt automatisch, wie etwas beim anderen ankommt. Aber vieles lässt sich verstehen, wenn es ausgesprochen wird. Wenn ich sage: „Das hat mich gerade verletzt“ oder „Ich brauche gerade etwas anderes“, dann mache ich etwas sichtbar, das sonst vielleicht übersehen wird. Man versteht erst – und fühlt dann. Das ist kein Defizit, sondern ein anderer Zugang.

Und das hilft nicht nur Menschen im Spektrum. Es hilft uns allen. Denn wir gehen oft davon aus, dass der andere schon versteht, was wir meinen. Und genau das stimmt eben oft nicht. Gleichzeitig ist auch klar: Nicht jeder kann das jederzeit umsetzen. Manche brauchen mehr Zeit, mehr Erklärung oder mehr Unterstützung. Aber wo Sprache möglich ist, kann sie Beziehung erleichtern.

Eine Haltung, die hilft

Ich habe dazu ein Interview mit Kaelynn Partlow gesehen. Sie wurde gefragt, warum sie es schwierig findet, wenn Autismus oder ADHS als „Superpower“ bezeichnet wird. Und sie sagt: Für sie ist es keine Superpower, sondern eine Einschränkung, und es fühlt sich nicht gut an, wenn etwas Anstrengendes von außen beschönigt wird.

Sie beschreibt auch diesen Impuls, Dinge korrigieren zu wollen. Wenn jemand etwas Falsches sagt, kommt sofort der Gedanke: „Eigentlich ist es so und so.“ Und sie sagt selbst: Die meisten Menschen mögen das nicht. Und sie hat gelernt, anders damit umzugehen – mit einem einfachen Satz: „Everyone is on their own journey.“ Jeder ist an einem anderen Punkt. Und nicht alles muss ich korrigieren.

Zurück zum Anfang

Und damit sind wir wieder beim Anfang: „Ich bin halt so.“ Die Frage ist nicht, ob du ehrlich bist. Die Frage ist, ob du stehen bleibst oder in Beziehung gehst. Ob du anderen vorschreibst, wo ihre Löffel hingehören, oder ob du bereit bist zu verstehen, warum sie es anders machen.

Es gibt Menschen, die nach einem Konflikt sagen: „Die anderen sind halt zu empfindlich.“ Und es gibt Menschen, die fragen: „Warum hast du das so gemacht?“ Und genau da beginnt Beziehung. Ich bleibe bei mir – und ich interessiere mich auch für dich.

Wenn ich anderen sage, wie sie es richtig machen sollen, aber selbst nicht gesagt bekommen will, wie ich sein soll, dann geht es nicht um Wahrheit – sondern um Kontrolle. Sein wir doch mal ehrlich.