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Empathie ist nicht Harmonie

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  • Beitrags-Kategorie:Erziehung / Stress

Dieser Beitrag ist ein bisschen zusammengewürfelt entstanden. Aber vielleicht passt das sogar ganz gut zum Thema. Denn ehrlich gesagt: Während ich darüber gesprochen habe, wurde mir selbst immer klarer, dass es eben nicht so einfach ist.

Ich wollte zuerst drei Elterntypen erklären. Schön ordentlich. Typ 1, Typ 2, Typ 3. So, als könnte man Menschen sauber sortieren wie Wäschekörbe. Aber wie so oft im echten Leben merkt man dann schnell: Ganz so übersichtlich ist es nicht.

Wir alle kippen mal in Kontrolle.
Wir alle kippen mal ins Beschwichtigen.
Und wir alle wollen manchmal einfach nur, dass es endlich leichter wird und wir es richtig machen.

Darum geht es heute auch gar nicht um perfekte Eltern. Sondern um eine Frage, die ich viel spannender finde: Was ist Empathie eigentlich wirklich? Und warum verwechseln so viele von uns Empathie mit Harmonie?

Was Empathie nicht ist

Ich glaube, viele von uns haben lange gelernt: Empathisch sein heißt helfen. Trösten. Die richtigen Worte finden. Taschentücher reichen. Die Situation irgendwie besser machen.

Aber genau da beginnt oft schon die Verwechslung.

Empathie heißt nicht automatisch, dass sich am Ende alle gut fühlen.
Empathie heißt auch nicht, dass ich sofort etwas lösen, erklären oder beruhigen muss.
Und Empathie heißt schon gar nicht, dass ich nachgebe, nur damit wieder Ruhe ist.

Empathie heißt erstmal etwas sehr Schlichtes und gleichzeitig sehr Anspruchsvolles:
Ich versuche zu verstehen, was in dir los ist, ohne mich dabei selbst zu verlieren.

Das klingt einfach. Ist es aber oft nicht.

Denn in Familien geht es ja selten nur um das Gefühl des Kindes. Es geht oft auch um unser eigenes Nervensystem. Um unsere eigene Müdigkeit. Um unseren Wunsch, dass es bitte nicht noch weiter eskaliert. Dass nicht schon wieder Streit ist. Dass es jetzt einfach mal ruhig wird.

Aber Ruhe ist nicht automatisch Beziehung.
Und Streit ist nicht automatisch Beziehungsbruch.

Man kann einem Kind sehr nah sein und trotzdem bei einer Grenze bleiben. Vielleicht ist genau das oft die eigentliche Kunst.

Wenn Empathie mit Harmonie verwechselt wird

Viele Eltern meinen es gut. Wirklich. Aber in dem Versuch, empathisch zu sein, rutschen sie manchmal in etwas anderes.

Nicht in Beziehung, sondern in Spannungsvermeidung.

Dann geht es nicht mehr darum, das Kind wirklich zu sehen, sondern darum, dass die Spannung aufhört. Im Kind. Im Raum. In uns selbst.

Und dann reagieren wir oft auf drei verschiedene Arten.

Nicht als feste Schubladen. Eher als drei typische Richtungen, in die wir unter Stress rutschen können.

1. Kontrolle

Wenn die Spannung zu groß wird, wollen wir sie beenden, indem wir härter werden. Lauter. Strenger. Oder indem wir uns entziehen.

Dann geht es schnell in Sätze wie: „Jetzt reicht’s aber.“ „Du machst das jetzt sofort.“ Oder auch in ein kaltes Weggehen, ein innerliches Zumachen, ein „Dann sieh doch selber, wie du klarkommst.“

Hinter diesem Muster steckt oft gar keine Bosheit. Sondern Überforderung. Ohnmacht. Vielleicht auch Angst, die Situation nicht mehr im Griff zu haben.

Aber wenn ich mich in solchen Momenten nur noch durchsetzen will, bin ich meistens schon ein Stück aus der Beziehung raus. Dann geht es nicht mehr um Orientierung, sondern um Macht. Und das kenne ich leider auch.

Das Problem ist: Kontrolle bringt oft kurzfristig Ruhe, aber nicht unbedingt innere Selbststeuerung. Das Kind lernt dann vor allem, dass der Stärkere die Situation beendet. Nicht unbedingt, wie man sich selbst reguliert.

2. Abfedern

Die zweite Richtung ist weicher. Und deshalb oft schwerer zu erkennen.

Wenn wir die Not des Kindes kaum aushalten, wollen wir alles weich machen. Abfangen. Beruhigen. Erleichtern. Wir bauen eine Art Schutzblase.

Wir trösten sofort. Lenken ab. Regeln die Situation für das Kind. Reden mit Lehrkräften, bevor das Kind selbst Worte gefunden hat. Beschwichtigen, bevor das Gefühl überhaupt da sein durfte.

Auch dahinter steckt meistens etwas sehr Menschliches: Angst. Liebe. Der Wunsch, das Kind nicht leiden zu sehen.

Aber wenn wir zu viel abfedern, passiert etwas Schwieriges. Das Kind erlebt dann zwar Fürsorge, aber nicht unbedingt Selbstwirksamkeit. Es spürt: Wenn es schwierig wird, muss jemand anders kommen und das für mich halten.

Dabei ist genau das ja die Entwicklung: Dass Kinder mit der Zeit lernen, ihre Gefühle immer mehr selbst zu tragen. Natürlich nicht allein. Aber auch nicht für immer im inneren Arm eines Erwachsenen.

Wer sein Kind vor jedem kleinen Fallen bewahren will, riskiert manchmal, dass es später viel härter fällt.

Ein Kind darf im sicheren Raum stolpern. Es darf frustriert sein. Es darf traurig sein. Es darf merken: Das halte ich aus. Und ich komme da wieder raus.

3. Verkopfen

Und dann gibt es noch die dritte Richtung. Mein persönliches Steckenpferd.

Wenn wir Angst haben, etwas falsch zu machen, suchen wir die perfekte Reaktion. Den perfekten Satz. Das richtige Konzept. Die richtige Haltung. Die pädagogisch sauberste Lösung.

Dann lesen wir. Reflektieren. Analysieren. Denken nach. Wägen ab. Verstehen ganz viel – und verlieren manchmal genau in dem Moment den Kontakt zu uns selbst. Was für uns richtig ist. Was zu uns passt.

Wir sind dann sehr im Kopf und sehr wenig in der Präsenz.

Das Tragische ist: Gerade Eltern, die es besonders gut machen wollen, stehen sich hier oft selbst im Weg. Nicht, weil sie zu wenig wissen. Sondern weil sie so viel wissen, dass sie ihrer eigenen Wahrnehmung nicht mehr trauen.

Dann fragt man sich ständig:
Halte ich das jetzt gut aus?
Bin ich gerade zu hart?
Bin ich zu weich?
Müsste ich mehr co-regulieren?
Oder mehr loslassen?
Braucht es jetzt eine Grenze oder Verständnis oder beides oder erst das eine und dann das andere?

Und während man innerlich noch die Fachliteratur sortiert, steht da ein Kind und braucht einfach ein echtes Gegenüber.

Perfektionismus nimmt dem Kind nicht nur Leichtigkeit. Er nimmt ihm manchmal auch uns als greifbaren Menschen.

Was alle drei Muster gemeinsam haben

Bei allen drei Mustern steckt meistens nichts Böses dahinter.

Hinter Kontrolle steckt oft Überforderung.
Hinter Überfürsorge steckt Angst.
Hinter Perfektionismus steckt Unsicherheit.

Das Problem ist nur: Alle drei Reaktionen nehmen dem Kind auf Dauer etwas weg.

Kontrolle nimmt dem Kind die eigene Selbststeuerung.
Überfürsorge nimmt ihm die Erfahrung von Selbstwirksamkeit.
Perfektionismus nimmt ihm das echte Gegenüber, weil man mehr mit dem richtigen Konzept beschäftigt ist als mit dem Kind selbst.

Und ich schreibe das nicht von oben herab. Ich schreibe das, weil ich mich in allen drei Richtungen wiederfinde. Nicht immer gleich stark. Nicht immer gleichzeitig. Aber doch so, dass ich sagen muss: Ja, ich kenne diese Fallen.

Empathie braucht Grenzen

Vielleicht ist das der Punkt, der mir in letzter Zeit immer klarer geworden ist: Empathie braucht Grenzen.

Nicht harte Mauern. Aber doch ein Ich und ein Du.

Denn nur wenn ich spüre: Das ist dein Gefühl und das ist mein Gefühl, kann ich wirklich mit dir sein, ohne mit unterzugehen. Nur dann kann ich bei dir bleiben, ohne dich zu kontrollieren. Nur dann kann ich dich ernst nehmen, ohne alles für dich zu lösen.

Empathie heißt nicht:
Ich mache das weg.

Empathie heißt:
Ich bleibe da.

Ich muss dein Gefühl nicht sofort beruhigen.
Ich muss deine Wut nicht sofort beenden.
Ich muss deine Traurigkeit nicht sofort in Ordnung bringen.

Ich darf da sein, zuhören, halten, mittragen – ohne das Ganze an mich zu reißen.

Das ist oft viel stiller als das, was wir für hilfreich halten. Und manchmal auch viel unbequemer.

Was Kinder eigentlich brauchen

Kinder brauchen keine perfekten Erwachsenen. Sie brauchen auch keine Erwachsenen, die immer alles richtig deuten und sofort die passende Methode parat haben. Sie brauchen Erwachsene, die bleiben.

Die nicht gleich zurückschlagen, wenn es anstrengend wird. Die nicht gleich alles weichpolstern. Die nicht aus lauter Nachdenken verschwinden. Sie brauchen Menschen, die Spannung mit ihnen aushalten können. Nicht jede Wut muss sofort aufgelöst werden. Nicht jede Frustration muss sofort verschwinden. Nicht jede Krise muss sofort gelöst werden. Manches muss erstmal einfach gehalten werden. Das ist keine Untätigkeit. Das ist Beziehung.

Und was das für mich heißt

Für mich heißt das heute nicht, dass ich nie mehr in alte Muster falle. Natürlich falle ich da rein. Mal will ich kontrollieren. Mal will ich retten. Mal will ich es so richtig gut machen, dass am liebsten niemand mehr leiden muss und ich mir später auch nichts vorwerfen muss. Aber vielleicht ist das gar nicht die Aufgabe.

Vielleicht ist die Aufgabe nicht, nie mehr zu kippen. Sondern es früher zu merken. Und es anschließend bewusst zu reflektieren. Vielleicht sogar mit dem Kind zusammen. Denn so lernt es, dass solche Muster passieren. Bei Eltern. Bei Lehrern. Bei ihn selbst.

Und so lernen wir, wie wir damit umgehen können. Und welches Vorgehen sich richtig anfühlt. Ah, ich will gerade Druck machen. Ah, ich will gerade alles abnehmen. Ah, ich suche schon wieder die perfekte Lösung, statt einfach da zu sein. Und dann vielleicht einen kleinen Schritt zurückzugehen. Nicht alles wegmachen. Nicht alles laufen lassen. Nicht perfekt reagieren. Sondern dableiben.

Gefühle dürfen da sein.
Grenzen auch.

Und vielleicht ist das für mich inzwischen der einfachste Satz über Empathie:

Ich sehe dich.
Ich halte mich.
Und ich gehe nicht verloren.