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ADHS und Medikamente – eine Meinung

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Wenn ich bei YouTube ein Video oder Short über Medikamente poste, kommt unweigerlich ein Kommentar dazu, der ADHS-Medikamente für Kinder stark ablehnt.

Es wird dann oft argumentiert, dass das Umfeld nur nicht mit dem Kind klarkommt und dass wir das System ändern sollten.

Wenn ich mir anschaue, was mit Kindern mit ADHS in der Schule und manchmal auch zuhause passiert, dann stimme ich teilweise zu: Es ist für das Umfeld belastend ein so hyperaktives Kind in einem unpassenden Setting zu betreuen.

Deshalb möchte ich heute mit euch einmal auf das große Ganze schauen.

Wenn ihr mehr Informationen dazu braucht, was für ADHS-Medikamente es gibt und wie diese im Gehirn wirken, schaut euch mein Video zu dem Thema an.

Heute wollen wir uns anschauen: Warum Medikamente überhaupt eingesetzt werden. Was sie leisten können. Was sie nicht leisten können. Welchen Platz Medikamente in der Behandlung von ADHS überhaupt haben. Warum Tabletten allein oft nicht ausreichen. Und warum ADHS häufig nicht nur das Kind, sondern die ganze Familie betrifft.

Wenn wir diese Fragen gemeinsam betrachten, wird die Diskussion oft viel weniger ideologisch und viel praktischer. Denn am Ende geht es nicht darum, wer recht hat, sondern darum, was Kindern und Familien tatsächlich hilft.

Wie wirkt ein Kind mit ADHS auf sein Umfeld?

Ich bekomme hier regelmäßig Kommentare, dass ADHS-Medikamente nur ein Produkt der Pharmaindustrie seien. Und natürlich darf man Medikamente kritisch sehen. Aber man sollte auch betrachten, was passiert, wenn schwer ausgeprägtes ADHS gar nicht behandelt wird.

Viele Kinder geraten in eine Negativspirale. Sie bekommen ständig Kritik. Sie erleben Misserfolge. Sie werden ausgegrenzt. Irgendwann glauben sie selbst, dass mit ihnen etwas nicht stimmt.

Warum passiert das? Weil diese Kinder impulsiv sind und deshalb oft Grenzen und Regeln nicht einhalten. Weil sie andere unterbrechen. Weil sie nicht warten können. Weil sie Gedanken schneller aussprechen, als es ihnen guttut. Weil sie oft erst handeln und dann sehen, wo der Fehler lag. Weil sie träumen, anstatt aufzupassen. Weil sie motorisch unruhig sind und das andere nervt und die Gruppe stört. Weil ihnen Dinge schwerfallen oder unmöglich sind, die den anderen Kindern leichtfallen.

Sie kommen also oft in Konflikte mit anderen. Sie erleben mehr Misserfolge als die anderen Kinder. Sie fallen auf und das negativ. Oft wirkt es so, als täten sie das absichtlich, als wären sie unhöflich und unachtsam, weil man sie immer wieder ermahnt und es nicht besser wird. Diese negative Rückmeldung führt zu Ausgrenzung aus der Gruppe und zu einem negativen Selbstbild beim Kind. Und genau daraus können später weitere Probleme entstehen: Depressionen, Ängste, Suchterkrankungen oder andere psychische Belastungen.

Es gibt kein Medikament, das ADHS heilen kann. Aber die Medikamente für ADHS können den Teufelskreis, in dem ein Kind sich befindet, oft sehr schnell unterbrechen. Plötzlich gelingt etwas. Das Kind bekommt wieder positives Feedback. Freundschaften werden leichter. Konflikte werden weniger. Und ja, da gebe ich den Pharmagegnern recht: Das sagt manchmal weniger über das Kind aus als über die Welt um das Kind herum.

Aber genau deshalb können Medikamente eine wichtige Hilfe sein. Nicht als Heilung oder Lösung. Sondern als Chance, damit Entwicklung überhaupt wieder möglich wird.

Denn das eigentliche Ziel ist nicht die Tablette. Das Ziel ist, dass Kinder überhaupt erst in einen Zustand versetzt werden, in dem sie lernen können. Denn das geht mit einem ADHS-Gehirn oft nicht. Wenn man noch nie erlebt hat, wie es ist, konzentriert zu arbeiten, weiß man gar nicht, wie das geht. Hier können Medikamente helfen, erst einmal herauszufinden, wohin die Reise überhaupt gehen soll. Sie helfen, dass Kinder überhaupt erst ihr Verhalten reflektieren und dann ändern können. Sie sind eine Krücke, wenn etwas von allein noch nicht läuft. Was die Tablette nicht kann, ist, dem Kind beizubringen, wie es sich strukturieren kann, wie es Strategien für den Alltag und die Arbeit entwickelt, wie es seine Stärken nutzen und mit Schwierigkeiten umgehen kann und wie es Schritt für Schritt selbstständig wird.

Eltern wollen ihre Kinder nur puschen?

Manchmal habe ich den Eindruck, im Internet wird über ADHS-Medikamente gesprochen, als würde man eine Tablette nehmen und plötzlich wäre alles perfekt. Da entsteht dann schnell der Gedanke: Na, ein perfektes Kind wollen doch alle. Also wollen plötzlich alle Medikamente. Eltern, die ihren Kindern Tabletten geben, wissen, dass das Ergebnis weit weg von perfekt ist. ADHS-Medikamente haben Nebenwirkungen. Und die sind nicht zu vernachlässigen. Viele Eltern erleben bei ihren Kindern Appetitverlust und Gewichtsverlust. Manche erleben Einschlafprobleme. Bei manchen kommt der ganze Tagesablauf durcheinander und Eltern müssen noch mehr Routinen einführen, damit jetzt plötzlich andere Dinge nicht aus dem Ruder laufen. Manche Kinder haben im Nachmittag den sogenannten Rebound Effekt. Das heißt, die ADHS-Symptome kehren verstärkt zurück. Aber auch ohne den Rebound wirkt die Tablette nicht den ganzen Tag und Eltern erleben ihr Kind weiter als ADHS-Kind, mit allen Vor- und Nachteilen. Nichtsdestotrotz ist es eine große Erleichterung, wenn das Kind die Schule besuchen kann. Wenn die ständigen Anrufe und Beschwerden von Schule und Umfeld weniger werden. Wenn nicht jedes Wochenende und jeder Urlaub ein Marathon ohne Ende ist.

Wo vorher Impulsivität und Unaufmerksamkeit kontrolliert werden mussten, muss nun auf das Essen und das Schlafen geachtet werden. Wo vorher Verhalten fluktuiert hat, fluktuieren jetzt körperliche Rhythmen. Über die Zeit muss die Dosis angepasst werden. Manchmal muss das Medikament gewechselt werden. Arztbesuche werden zur Regel. Die Tabletten müssen regelmäßig organisiert werden. Manche Kinder erleben sich weniger als sie selbst, weniger lebensfroh. Manche Kinder haben nicht nur keinen Appetit, sondern können tagsüber gar nichts mehr Essen. Nicht einmal das Lieblingsessen. Natürlich machen Eltern sich bei all dem Sorgen.

Deshalb ist die Entscheidung für Medikamente oft keine einfache Entscheidung. Sondern eine Abwägung. Auf der einen Seite stehen mögliche Nebenwirkungen. Auf der anderen Seite stehen die Folgen eines unbehandelten ADHS: Konflikte, Misserfolge, Leidensdruck, ein negatives Selbstbild sind oft nur der Anfang.

Deshalb lautet die eigentliche Frage nicht: Haben ADHS-Medikamente Nachteile? Natürlich haben sie Nachteile. Die eigentliche Frage lautet: Welche Nachteile wiegen für dieses konkrete Kind schwerer? Die Entwicklung ohne Medikamente oder die Nebenwirkungen der Medikamente? Und genau deshalb muss jede Entscheidung individuell getroffen werden.

Was ein Kind von der Tablette nicht lernt

Ein anderer häufiger Irrtum ist: Das Kind bekommt Medikamente, das Problem ist gelöst. Denn so funktioniert ADHS langfristig leider nicht. In den Leitlinien gehören Medikamente und Unterstützung im Alltag bzw. Therapie zusammen.

Das Problem ist nur: Viele Familien bekommen die Medikamente. Aber die Unterstützung fehlt. Die Wartelisten für Therapien sind lang. Und Eltern stehen oft ziemlich allein da. Dabei geht es gar nicht darum, Kinder zu verändern. Es geht darum, Fähigkeiten zu lernen: Wie plane ich? Wie beginne ich Aufgaben? Wie gehe ich mit Frust um? Wie schaffe ich Struktur? Das kann in einer Therapie passieren. Das kann aber auch im Alltag passieren.

Mit verständnisvollen Erwachsenen. Mit Wissen über ADHS. Mit Übung. Deshalb gibt es diesen Kanal. Nicht als Ersatz für Therapie. Sondern als Orientierung für Familien, die gerade auf diesem Weg unterwegs sind.

Kein Medikament ohne Perspektive

Viele Menschen denken bei ADHS-Medikamenten sofort an eine lebenslange Behandlung. Aber das muss gar nicht so sein. ADHS entwickelt sich weiter. Kinder werden älter. Sie lernen Strategien. Sie lernen ihre Stärken kennen. Sie lernen, wo sie Unterstützung brauchen. Sie finden das Umfeld, das zu ihnen passt, und wo ihre Stärken richtig aufblühen dürfen.

Bei einem Teil der Betroffenen werden die Symptome im Erwachsenenalter deutlich schwächer. Andere brauchen weiterhin Unterstützung. Manche nur in bestimmten Lebensphasen. Zum Beispiel in der Ausbildung. Im Studium. In der Prüfungsphase. Oder in besonders stressigen Zeiten.

Das eigentliche Ziel ist deshalb nicht die Tablette. Das Ziel ist ein gutes Leben. Ein Leben, in dem die eigenen Stärken Platz haben. Ein Umfeld, das passt. Und genügend Werkzeuge, um mit den eigenen Schwierigkeiten umzugehen. Je besser das gelingt, desto weniger steht das Medikament im Mittelpunkt.

Müssen wir dann für die Kinder nicht einfach so ein Umfeld schaffen?

Wenn über ADHS gesprochen wird, entsteht oft ein Streit. Die einen sagen: „Das Kind braucht Medikamente.“ Die anderen sagen: „Das Umfeld muss sich ändern.“ Und ehrlich gesagt: Beide haben ein Stück weit recht.

Denn ADHS ist hochgradig vererbbar. Deshalb haben viele Eltern von ADHS-Kindern selbst ADHS-Merkmale. Und genau das macht die Situation oft so schwer. Die Eltern wissen häufig sehr genau, was ihrem Kind helfen würde:

Mehr Struktur.

Mehr Planung.

Mehr Routinen.

Mehr Ruhe.

Weniger Impulsivität.

Weniger Chaos.

Das Problem ist nur: Genau diese Dinge fallen Menschen mit ADHS oft selbst schwer.

Nicht weil sie nicht wollen. Sondern weil ihr Gehirn damit ebenfalls kämpft. Und auch für Eltern, die kein ADHS haben, wird die Belastung im Leben mit einem Kind mit ADHS irgendwann deutlich spürbar.

Deshalb reicht es oft nicht, nur auf das Kind zu schauen. Eigentlich braucht die ganze Familie Unterstützung. Denn wenn ein Kind ADHS hat, sitzt die Herausforderung oft nicht bei einer einzigen Person am Tisch. Das Umfeld ist herausfordernd für das Kind. Das Kind ist belastet. Das Kind ist herausfordernd für sein Umfeld. Das Umfeld ist belastet. Das Umfeld ist herausfordernd für das Kind… Ihr merkt, wir drehen uns im Kreis. Und genau deshalb geht es nicht um Medikament oder Umfeld. Sondern darum, beides gemeinsam in den Blick zu nehmen. Ein strukturiertes und entspanntes Umfeld kann einem Kind helfen, Selbstregulation zu lernen und sich auszuprobieren, ohne ständig an Grenzen zu stoßen. Aber solange diese Selbstregulation noch nicht ausreichend entwickelt ist, erlebt das Kind viele Situationen als einen ständigen Kampf: gegen Ablenkungen, gegen Impulse, gegen Frust, gegen die eigene Unruhe. Und genau dort können Medikamente ansetzen.

Sie verändern nicht die Persönlichkeit des Kindes. Jedenfalls nicht, wenn sie gut eingestellt sind. Sie nehmen ihm nicht die Verantwortung für sein Verhalten ab. Aber sie können die inneren Voraussetzungen verbessern, die das Kind braucht, um überhaupt lernen, üben und Erfahrungen sammeln zu können. Man könnte sagen: Während ein gutes Umfeld von außen Struktur schafft, können Medikamente dabei helfen, dass im Gehirn vorübergehend mehr Struktur entsteht.

Und darum geht es doch eigentlich beiden Seiten

Wir haben jetzt über Medikamente gesprochen. Darüber, warum sie für manche Kinder wichtig sein können. Darüber, dass Medikamente allein nicht die Lösung sind. Darüber, dass Entwicklung, Strategien und Begleitung genauso wichtig sind. Und darüber, dass oft die ganze Familie Unterstützung braucht und nicht nur das Kind.

Wenn man all diese Punkte zusammennimmt, dann merkt man: Die eigentliche Frage lautet vielleicht gar nicht: „Medikamente – ja oder nein?“ Sondern: „Was braucht dieses konkrete Kind gerade, um sich gut entwickeln zu können?“

Manche ADHSler brauchen Medikamente. Manche Kinder brauchen vor allem ein förderndes Umfeld. Die meisten ADHSler brauchen von beidem etwas. Und viele Familien brauchen zusätzlich Wissen, Unterstützung und Verständnis. Deshalb führen diese Diskussionen oft in die falsche Richtung. Die eine Seite sagt: „Gebt keine Medikamente.“ Die andere Seite sagt: „Gebt Medikamente.“ Zum Glück sind Psychostimulanzien recht flexibel, sodass es auch ein: „Nehmt Medikamente, wenn ihr sie braucht und lasst sie weg, wenn es ohne geht“ gibt.

Und eigentlich wollen die meisten Menschen auf beiden Seiten eigentlich dasselbe: Dass es dem Kind besser geht. Dass es sich selbst mögen kann. Dass es seine Stärken entdeckt. Dass es Freundschaften aufbauen kann. Dass Schule, Ausbildung, Beruf und Beziehungen gelingen. Und dass aus einem Kind, das ständig hört, was es alles nicht kann, ein Erwachsener wird, der weiß, was er kann.

Genau darum geht es. Nicht um Pro oder Contra Medikamente. Sondern um Entwicklung. Und darum, Kindern die Unterstützung zu geben, die sie brauchen – in der Form, die für sie funktioniert.