Ich habe neulich ein Video von Alicia Jo gesehen. Darin spricht sie über eine Lücke, die viele Menschen kennen. Die Lücke zwischen:
„Mir geht es nicht gut“
und
„Ich habe eine Diagnose.“
Gerade bei ADHS kann diese Lücke ziemlich lang sein. Diagnostik dauert, Therapieplätze sind rar, und oft versucht man in dieser Zeit zu verstehen, was eigentlich los ist. Viele suchen dann Antworten im Internet. Das kann helfen – aber spätestens beim Thema Medikamente merkt man, warum Diagnose und Behandlung in professionelle Hände gehören. Denn ADHS-Medikamente greifen ziemlich direkt in die Signalsteuerung unseres Gehirns ein.
Das Verkehrsbild
Um zu verstehen, wie diese Medikamente funktionieren, hilft ein Bild. Stellt euch das Gehirn wie ein Straßennetz vor. Auf den Straßen fahren Scooter mit Botschaften. Diese Botschaften heißen zum Beispiel Dopamin oder Noradrenalin. Sie sorgen dafür, dass unser Gehirn weiß:
- worauf wir achten sollen
- was wichtig ist
- wann wir bremsen oder handeln.
Und es gibt Rückhol-Transporter, die die Scooter wieder einsammeln, damit die Botschaften nicht ewig herumfahren oder sich irgendwo stauen. Bei ADHS ist dieser Verkehr oft nicht gut abgestimmt. ADHS ist eine andere Art, wie das Gehirn Signale verarbeitet – die je nach Situation hilfreich oder herausfordernd sein kann. Manche Botschaften kommen nicht zuverlässig an, andere gehen im Hintergrundrauschen unter. Wichtige Signale bleiben manchmal hängen – und manchmal werden sie zu früh wieder beendet.
Die vier Medikamentengruppen
Es gibt verschiedene Wege, diesen Verkehr zu verbessern.
1. Methylphenidat (z. B. Medikinet)
Hier werden die Tranzporter angehalten, die die Scooter einsammeln. Die Botschaften bleiben länger auf der Straße und haben mehr Zeit anzukommen.
2. Amphetaminpräparate (z. B. Lisdexamfetamin / Elvanse)
Hier passiert noch etwas anderes: Zusätzlich werden neue Scooter aus den Lagerhallen losgeschickt. Es kommen also mehr Botschaften gleichzeitig auf die Straße.
3. Atomoxetin (z. B. Strattera)
Dieses Medikament arbeitet vor allem über Noradrenalin. Hier werden die Rückhol-Transporter für Noradrenalin angehalten, die – besonders im Präfrontalen Cortex – auch Dopamin zurückholen.
4. Guanfacin (z. B. Intuniv)
Hier passiert etwas anderes. Im Verkehrsbild bekommt der Verkehrspolizist ein Megafon. Die Kreuzung wird besser organisiert. Das Gehirn kann wichtige Signale stabiler halten und Störungen besser ausblenden.
Markennamen und Wirkstoffe
Vielleicht kennt ihr einige dieser Medikamente eher unter ihren Markennamen. Zum Beispiel:
- Methylphenidat steckt in Präparaten wie Ritalin, Medikinet, Concerta oder Equasym.
- Lisdexamfetamin kennt man zum Beispiel unter dem Namen Elvanse.
- Atomoxetin ist zum Beispiel als Strattera bekannt.
- Guanfacin gibt es unter anderem als Intuniv
Jetzt noch eine wichtige Unterscheidung: Methylphenidat und Lisdexamfetamin sind sogenannte Stimulanzien. Deshalb bekommt ihr hier ein BtM Rezept, das nicht alle Ärzte verschreiben dürfen. Atomoxetin und Guanfacin sind keine Stimulanzien. Deshalb auch kein BtM Rezept. Ärztinnen und Ärzte sprechen meistens vom Wirkstoff, weil verschiedene Marken denselben Wirkstoff enthalten können.
Nicht-Spiegelmedikamente und Spiegelmedikamente
Zwischen den Gruppen 1 + 2 und 3 + 4 gibt es einen weiteren wichtigen Unterschied. Einige Medikamente wirken relativ schnell nach der Einnahme. Dazu gehören die Medikamente der ersten beiden Gruppen: Methylphenidat und Amphetaminpräparate. Sie greifen direkt in die Signalübertragung ein – im Verkehrsbild also direkt in den laufenden Verkehr. Wenn das Medikament im Körper wieder abgebaut wird, lässt auch seine Wirkung nach. Das passiert meist innerhalb von einigen Stunden.
Andere Medikamente wirken anders. Sie bauen über mehrere Tage oder Wochen einen gleichmäßigen Wirkspiegel im Körper auf. Dazu gehören die Medikamente der dritten und vierten Gruppe: Atomoxetin und Guanfacin. Hier verändert sich die Signalsteuerung im System langsamer, bis sich ein neues Gleichgewicht eingestellt hat. Darum nennt man sie Spiegelmedikamente. Die Wirkung hängt davon ab, dass sich ein stabiler Wirkspiegel im Körper aufbaut – und beim Absetzen auch langsam wieder sinkt. Deshalb ist hier die anfängliche Einstellung, die regelmäßige Einnahme und das sogenannte „Ausschleichen“ beim Absetzen so wichtig.
Retardierte Medikamente
Bei den schnell wirkenden Medikamenten stellte sich früher eine praktische Frage: Wenn die Wirkung nur ein paar Stunden anhält, müsste man mehrere Tabletten über den Tag verteilt nehmen. Deshalb wurden sogenannte retardierte Präparate entwickelt. Hier wird der Wirkstoff so verpackt, dass er über mehrere Stunden nach und nach freigesetzt wird und dadurch länger wirken kann. Deshalb ist die Milligrammzahl hier auch plötzlich so viel höher, wenn man von unretardiert auf retardiert umstellt.
Galenik
Warum wirkt ein Medikament mit gleichem Wirkstoff von einer anderen Marke anders? Wie genau ein Wirkstoff in einem Medikament verpackt ist und wie er im Körper freigesetzt wird, nennt man Galenik. Das bedeutet auch: Zwei Medikamente können denselben Wirkstoff enthalten, aber durch unterschiedliche Galenik etwas unterschiedlich wirken. Verschiedene Hersteller nutzen zum Beispiel unterschiedliche Retard-Systeme, um den Wirkstoff über den Tag verteilt freizusetzen. Deshalb kann es sein, dass zwei Präparate mit demselben Wirkstoff bei einer Person unterschiedlich gut funktionieren. Und deshalb ist die Absprache mit dem Arzt so wichtig.
Warum Stimulanzien beruhigen können
Viele wundern sich: Warum wirken sogenannte Stimulanzien bei ADHS oft beruhigend? Hier hilft eine einfache Kurve. Unsere Aufmerksamkeit funktioniert am besten in einem mittleren Aktivierungsbereich.
Zu wenig Aktivierung → Chaos
Zu viel Aktivierung → Stress
Viele ADHS-Gehirne starten eher unterhalb dieses optimalen Bereichs. Wenn ein Medikament die Aktivierung etwas anhebt, kommt das System näher an den Punkt, an dem Steuerung gut funktioniert. Es sind beim ADHS Gehrin nicht nur die Los-Signale, die zu spät oder nicht ankommen, sondern auch die Stopp-Signale. Deshalb fühlen sich manche Menschen mit ADHS plötzlich ruhiger oder klarer, wenn sie Stimulanzien nehmen. Bei Menschen ohne ADHS kann derselbe Effekt dagegen zu viel Aktivierung bedeuten. Dann fühlt es sich eher stimulierend an.
ADHS-Gehirn vs. Nicht-ADHS-Gehirn
Auch bei Menschen ohne ADHS gibt es Tage, an denen der Verkehr langsamer läuft – zum Beispiel bei Müdigkeit. Ein Stimulans kann dann kurzfristig mehr Aktivität bringen. Bei ADHS geht es aber nicht nur um zu wenig Verkehr, sondern um schlecht geregelte Kreuzungen. Das Medikament hilft also nicht nur, mehr Scooter auf die Straße zu bringen, sondern den Verkehr besser zu steuern.
Unterschied zwischen Speed und Lisdexamfetamin
Manche Menschen hören „Amphetamin“ und denken sofort an Partydrogen wie Speed. Medikamente wie Lisdexamfetamin (nur Gruppe 2 – wir erinnern uns) funktionieren aber anders. Lisdexamfetamin ist eine sogenannte Prodrug. Das bedeutet: Der Wirkstoff ist zunächst inaktiv und wird erst im Körper langsam in das eigentliche Amphetamin umgewandelt. Dadurch steigt die Wirkung langsamer und gleichmäßiger an und löst normalerweise keinen schnellen „Kick“ aus, wie er bei Straßenamphetaminen vorkommen kann. Auch hier gilt:
Dosierung, Wirkung und Einstellung gehören immer in ärztliche Hände.
Nebenwirkungen
ADHS-Medikamente wirken auf die Signalübertragung von Botenstoffen wie Dopamin oder Noradrenalin. Diese Botenstoffe steuern aber nicht nur Aufmerksamkeit im Gehirn. Sie spielen auch eine Rolle bei vielen anderen Funktionen des Nervensystems, zum Beispiel bei:
- Herz und Kreislauf
- Schlaf und Wachheit
- Appetit und Verdauung
Wenn Medikamente diese Botenstoffsysteme beeinflussen, wirkt sich das deshalb nicht nur im Gehirn aus, sondern auch auf andere Bereiche des Körpers. Darum können Nebenwirkungen entstehen, zum Beispiel:
- Appetitverlust
- Schlafprobleme
- schnellerer Puls
- oder Müdigkeit – je nach Medikament.
Warum Medikamente irgendwann nicht mehr so wirken, wie am Anfang
Auch der Körper hat noch etwas zu sagen. Unser Gehirn ist kein starres System. Es reagiert auf das, was wir ihm geben – und passt sich an. Deshalb kann es passieren, dass Medikamente nach einer Zeit anders wirken als am Anfang. Das kann verschiedene Gründe haben:
- der Körper baut den Wirkstoff schneller ab
- der Tagesrhythmus oder die Anforderungen verändern sich
- das Kind entwickelt sich weiter
- oder das Zusammenspiel im Nervensystem verschiebt sich
Und manchmal passiert noch etwas: Das System reguliert sich selbst. In unserem Verkehrsbild bedeutet das: Es fahren irgendwann mehr Rückhol-Transporter, die die Botschaften wieder schneller einsammeln. Und auf der anderen Seite reagieren die „Empfangsstellen“ weniger stark auf die ankommenden Signale. Dann kommen die Botschaften zwar noch an – aber sie wirken nicht mehr so wie am Anfang.
Das ist kein Zeichen dafür, dass etwas „falsch läuft“ – sondern dass das System lebendig ist und sich anpasst.
Ein wichtiger Punkt: Medikamente sind nicht alles
Und hier kommt ein Punkt, der mir besonders wichtig ist. Manchmal entsteht die Erwartung: Wenn das Medikament wirkt, müsste jetzt alles funktionieren. Aber Medikamente können den Verkehr im Kopf ordnen. Sie bauen aber keine neuen Straßen.
Kinder müssen trotzdem lernen, wie man plant, organisiert und mit Frust umgeht.
Diese Fähigkeiten sind wie neue Straßen im Gehirn – sie entstehen durch Übung, Unterstützung und Zeit. Und das ist nicht nur eine Frage der Eltern. Auch andere Dinge spielen eine Rolle:
- überforderte Schulsysteme
- fehlende Therapieplätze
- lange Wartezeiten auf Diagnostik
- oder Eltern, die selbst ADHS haben.
Das System ist komplex. Es geht auch darum, dass Menschen sich in ihrer Art zu denken, zu fühlen und zu handeln wiederfinden können. Manche fühlen sich in einem lebendigen, kreativen Durcheinander wohl. Aber gleichzeitig hilft es, auch Ordnung herstellen zu können – dann, wenn man sie braucht.
Vielleicht ist das die wichtigste Botschaft.
ADHS-Medikamente können helfen, den Verkehr im Kopf zu ordnen.
Aber fahren lernen muss man trotzdem.
Und genau deshalb gehören Diagnose, Medikamente und Begleitung immer in professionelle Hände.
Und gleichzeitig braucht es mehr als das – ein Umfeld, das mitträgt. Schule, Familie, Unterstützung. Kein Mensch – und kein Kind – keine Familie – sollte das alleine tragen.
