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Masking ist nicht das Problem – sondern wenn wir es nicht verhandeln

Masking – wann Anpassung hilft und wann sie erschöpft

Kennst du das? Du bist auf einer Feier und merkst plötzlich: Der Akku ist leer. Nicht körperlich müde. Sondern sozial müde. Du möchtest einfach nicht mehr unter Menschen sein. Viele verbinden dieses Gefühl mit Masking. Im Moment sehe ich auf YouTube und Instagram viele Videos dazu. Die Botschaft ist oft ähnlich: Masking ist anstrengend, Masking wird von außen erwartet und Masking macht krank. Ein Teil davon stimmt. Aber jedes Mal, wenn ich diese Videos sehe, denke ich: Das ist nur die halbe Geschichte.


Masking gehört zum menschlichen Zusammenleben

Auch ich maske schon mein Leben lang. Auch ich komme manchmal nach Hause und bin erschöpft. Und auch ich bin froh, wenn ich meinem Umfeld sagen kann, was meine Bedürfnisse sind und darauf Rücksicht genommen wird. Gleichzeitig bin ich auch froh, dass ich weiß, was in bestimmten Situationen von mir erwartet wird und wie ich mich in unterschiedlichen Kontexten orientieren kann. Auch das ist für mich Masking. Denn ein gewisses Maß an Anpassung leisten alle Menschen. Wir verändern unser Verhalten je nach Situation. Wir sprechen auf der Arbeit anders als mit Freunden. Wir verhalten uns im Kino anders als auf einer Party. Masking ist deshalb nicht nur ein Problem. Es ist auch eine soziale Fähigkeit.


Masking ist kein Schalter – sondern ein Regler

Oft wird über Masking gesprochen, als gäbe es nur zwei Möglichkeiten: Maske auf oder Maske ab. Aber so funktioniert menschliches Verhalten eigentlich nicht. Für mich ist Masking eher wie ein Lautstärkeregler. Manche Seiten von uns drehen wir in bestimmten Situationen etwas leiser, andere etwas lauter. Auf der Arbeit drehe ich vielleicht meine professionelle Seite hoch. Beim Treffen mit Freunden meine alberne Seite. Wir alle passen unser Verhalten an äußere Umstände an. Das Problem entsteht deshalb nicht dadurch, dass wir diesen Regler benutzen. Problematisch wird es erst, wenn jemand den Regler dauerhaft extrem hoch oder extrem niedrig drehen muss, bis man sich selbst kaum noch hört.


Was bedeutet Masking eigentlich?

Im Internet wird Masking häufig so definiert: Masking ist das bewusste oder unbewusste Verbergen oder Anpassen eigener Verhaltensweisen, Emotionen oder Persönlichkeitsmerkmale, um gesellschaftlichen Erwartungen zu entsprechen und als „normal“ wahrgenommen zu werden.

Typische Beispiele sind:

  • Blickkontakt halten
  • ruhig sitzen
  • Smalltalk führen
  • Emotionen kontrollieren

Viele Menschen tun das in bestimmten Situationen. Der Unterschied bei vielen neurodivergenten Menschen liegt im Ausmaß und im Bewusstsein, mit dem diese Anpassung stattfindet. Ich merke zum Beispiel sehr deutlich, wenn ich maskiere. Etwa wenn ich bewusst überlegen muss zu lächeln, Blickkontakt zu halten bei jemandem, den ich eigentlich nicht leiden kann oder Nähe auszuhalten, obwohl ich lieber zwei Meter weiter weg sitzen würde. Auch ein Zoom-Call kann anstrengend sein, wenn ich still sitzen muss, obwohl mein Körper eigentlich Bewegung braucht. Das kostet Energie.


Masking beginnt oft schon in der Kindheit

Masking lernt man früh. Kinder lernen zum Beispiel, dass man in der Schule still sitzt, nicht reinredet und im Kino während des Films ruhig ist. Sie lernen auch soziale Rituale: Oma anschauen, wenn man mit ihr spricht, zur Begrüßung umarmen oder zumindest die Hand geben. Mit der Zeit fällt uns gar nicht mehr auf, dass wir unser Verhalten anpassen. Und wenn jemand diese Regeln nicht einhält, empfinden wir das plötzlich selbst als störend oder unhöflich. Manche dieser Konventionen sind sinnvoll. Andere wurden nie wirklich hinterfragt. Problematisch wird Masking vor allem dann, wenn eigene Bedürfnisse dauerhaft unterdrückt werden. Dann entsteht Erschöpfung.


Masking kann auch ein Werkzeug sein

Masking ist nicht nur eine Belastung. Es kann auch eine Kompetenz sein. In bestimmten Situationen nehmen wir Rollen ein. Zum Beispiel als Dozentin, als Mutter oder als Zuhörerin in einem Gespräch. Diese Rollen sind nicht unecht. Sie helfen dabei, dass soziale Situationen funktionieren. Manchmal spart bewusstes Masking sogar Energie. Wenn ich eine klare Rolle einnehme, hören mir Menschen eher zu, Gespräche strukturieren sich leichter und Gruppen finden schneller Orientierung. Masking kann also auch ein Werkzeug sein, das Kommunikation erleichtert.


Masking entsteht immer in Beziehung

Masking passiert nie im luftleeren Raum. Es entsteht immer in Beziehung zu anderen Menschen. Wenn Anpassung einfach erwartet wird, kann das zur Belastung werden. Wenn man darüber sprechen kann, kann es auch entlastend sein. Ich erinnere mich an Zoom-Calls, in denen jemand plötzlich sagt: „Ist es für alle okay, wenn ich nebenbei stricke?“ Oder: „Ich sitze übrigens in Jogginghose hier. Wer noch?“ Solche Momente verändern die Situation. Sie zeigen: Masking ist nicht nur eine starre Regel, sondern etwas, das in Gruppen immer wieder neu ausgehandelt werden kann.


Wenn Bedürfnisse aufeinander treffen

Ein Beispiel aus dem Alltag: Wenn ein ADHS Huhn für eine Klausur lernt, kann es dabei nicht ruhig sitzen. Es läuft durch das Zimmer, springt auf dem Stuhl herum und macht manchmal auch Geräusche. Ich nenne das „Sumseln“. Der Vater kann sich dabei oft nicht gut konzentrieren. Für ihn bedeutet Konzentration ein ruhiges Umfeld. Für das Huhn bedeutet Konzentration jedoch Bewegung. Bei ADHS ist Bewegung häufig Teil der Selbstregulation. Für den Körper des Huhns ist Bewegung kein Störgeräusch, sondern eher wie ein innerer Lautstärkeregler für Fokus. Hier prallen zwei Bedürfnisse aufeinander. Die entscheidende Frage ist dann: Worum geht es eigentlich in dieser Situation? Geht es darum, dass der Vater Ruhe hat? Oder darum, dass das Huhn lernen kann? Manchmal muss nicht das Kind maskieren. Manchmal muss der Erwachsene lernen, ein anderes Konzentrationsverhalten auszuhalten.


Anpassung geht in beide Richtungen

Das bedeutet aber nicht, dass immer das Hibbel-Huhn Recht hat. Wenn sich plötzlich 27 andere Mitschüler nicht konzentrieren können, braucht es Lösungen. Vielleicht hilft ein Stuhlband für die Beine, ein Knautschtier für die Hände oder eine andere Form der Bewegung. Das Huhn darf sich also bewegen – aber so, dass es andere nicht komplett aus ihrer Konzentration bringt. Das ist kein Masking im Sinne von Selbstverleugnung. Es ist gegenseitige Rücksichtnahme.


Selbstwirksamkeit statt Anpassungsdruck

Viele ADHS-Kinder wissen sehr genau, was sie brauchen. Leider erleben sie oft, dass ihnen nicht wirklich zugehört wird oder dass ihr Verhalten sofort korrigiert wird. Das kann am Selbstvertrauen nagen. Kinder brauchen deshalb zwei Dinge gleichzeitig: Sie brauchen das Gefühl: So bin ich.
Und sie brauchen die Erfahrung: Ich kann sagen, was ich brauche. Manchmal können ihre Bedürfnisse erfüllt werden, manchmal nicht. Beides gehört zum Leben. So entsteht Selbstwirksamkeit.


Wut auf Masking

In einem Podcast beschreibt Dana Dzamic, dass manche Menschen sehr wütend werden, wenn ihnen bewusst wird, dass sie ihr ganzes Leben lang maskiert haben. Diese Wut richtet sich oft gegen die Umwelt. Das kann ein wichtiger Schritt sein. Aber wenn man dort stehen bleibt, entsteht ein Problem. Denn wer nur beim Vorwurf an die Umwelt bleibt, verliert die eigene Gestaltungsmacht. Es hilft wenig, wenn Masking nur schwarz oder weiß gedacht wird.


Vier wichtige Fähigkeiten

Am Ende geht es nicht darum, Masking komplett abzuschaffen oder perfekt zu beherrschen. Es geht um Kompetenzen. Kinder und auch Erwachsene brauchen vier Fähigkeiten:

Selbstwahrnehmung
Wie funktioniere ich eigentlich? Was hilft mir? Was überfordert mich?

Selbstvertretung
Wie kann ich anderen erklären, was ich brauche?

Verständnis für andere
Was braucht mein Gegenüber?

Anpassungsfähigkeit
In welchen Situationen kann ich mich anpassen, ohne mich selbst zu verlieren?


Den eigenen Regler verstehen

Vielleicht geht es beim Thema Masking also gar nicht darum, die Maske komplett abzunehmen oder aufzusetzen. Vielleicht geht es eher darum, den eigenen Lautstärkeregler zu verstehen – und gemeinsam mit anderen herauszufinden, auf welcher Einstellung Zusammenleben am besten funktioniert. Das Ziel ist nicht, dass neurodivergente Kinder lernen, sich komplett anzupassen. Aber auch nicht, dass sich die ganze Welt um sie herum organisieren muss. Das Ziel ist, dass Menschen sich selbst besser verstehen und mit dieser Selbstkenntnis in Beziehung gehen.


Das Chaos ergänzt

Jedes Umfeld hat eigene Erwartungen daran, wie man sich verhält. Wir können unser tägliches Masking deshalb auch teilweise dadurch beeinflussen, welche Umfelder wir wählen. Ein Beispiel: Punk-Rock-Szene oder englische Teeparty. Beide haben völlig unterschiedliche soziale Regeln. Natürlich gibt es auch Umfelder, die man sich nicht frei aussuchen kann – etwa Schule, Arbeit oder das Einkaufen. Problematisch wird es vor allem dann, wenn Normen nicht hinterfragt werden oder wenn ein starkes Machtgefälle entsteht. Wenn zum Beispiel Regeln gelten wie: „Du musst auf mich hören, weil ich der Lehrer bin“, ohne Raum für Gespräche. Der Ausweg liegt dann im Aushandlungsprozess. Normen dürfen hinterfragt werden und Anpassung kann von beiden Seiten stattfinden.