ADHS ist keine feste Schublade – eher ein Modus. Über Diagnose, Spektrum, Stellschrauben und Medikamente
Ich habe das Buch von Theo Parker gelesen: „Alles auf einmal, und zwar jetzt“. Und ich war am Anfang erst ein bisschen skeptisch. Ich wusste nicht sofort, worauf er eigentlich hinauswill. Aber je weiter ich gehört habe, desto spannender fand ich es. Nicht, weil er einfache Antworten gibt. Sondern weil er kluge Fragen stellt.
Er schaut auf Forschung. Auf Diagnostik. Auf die Geschichte der Diagnose. Auf Betroffene. Und auch auf sich selbst – aber nicht in einer Weise, dass das Buch nur um ihn kreist. Sondern so, dass man beim Lesen oder Hören selber weiterdenken muss.
Und ein Gedanke daraus ist bei mir besonders hängen geblieben.
Theo Parker beschreibt, dass es der Forschung bisher nicht gelungen ist, ein eindeutiges biologisches Kriterium zu finden – also zum Beispiel einen Biomarker oder eine klar abgrenzbare Hirnstruktur –, mit dem man zuverlässig sagen könnte:
Das hier ist ein ADHS-Gehirn. Und das hier nicht.
Es gibt immer wieder Hinweise, Korrelationen, Auffälligkeiten, kleine Verschiebungen. Dann denkt man: Ah, da ist es. Und bei der nächsten Untersuchung zeigt sich wieder etwas anderes. Das heißt nicht, dass ADHS nicht real wäre. Es heißt nur: So einfach ist es eben nicht.
Und ich finde, genau das ist ein wichtiger Punkt. Denn wir neigen ja dazu, Diagnosen so zu behandeln, als wären sie fertige Wahrheiten. Dabei sind sie zunächst einmal vor allem eins: Einteilungen.
Hilfreiche Einteilungen manchmal. Nötige Einteilungen auch, weil unser Gesundheitssystem und unsere Hilfesysteme Kategorien brauchen. Aber eben trotzdem: Einteilungen.
Ich habe dafür irgendwann das Bild mit den Landkarten benutzt.
Eine Diagnose ist für mich wie eine Landkarte.
Die Landkarte ist nicht die Landschaft. Sie ist ein Versuch, sich in einer Landschaft zu orientieren.
Und jetzt wird es spannend: Es gibt nicht nur verschiedene Landschaften. Es gibt auch verschiedene Arten, sich durch eine Landschaft zu bewegen. Wenn ich mit dem Fahrrad unterwegs bin, hilft mir eine Fahrradkarte. Wenn ich fliege, brauche ich eine Luftfahrtkarte. Da nützt mir der Radweg herzlich wenig.
Genau so ist es mit Diagnosen. Je nachdem, wofür ich Orientierung brauche, brauche ich auch eine andere Karte.
Brauche ich sie als Mutter im Familienalltag?
Brauche ich sie als Lehrkraft im Unterricht?
Brauche ich sie als Therapeutin?
Oder braucht das Gesundheitssystem eine Abrechnungskategorie?
Das sind nicht dieselben Karten. Und ich glaube, das dürfen wir uns immer wieder klar machen: Wir sind nicht unsere Diagnose. Eine Psychologin hat das Eltern einmal in einem sehr aufgewühlten Moment gesagt: „Ihr Kind bleibt doch das gleiche. Diagnose hin oder her.“
Und die Eltern haben die Tränen weggedrückt und gedacht: Ja. Recht hat sie.
Die Diagnose ändert nicht dein Kind.
Sie macht aus ihm kein anderes Wesen.
Sie gibt uns nur eine Karte in die Hand.
Und diese Karte kann hilfreich sein – aber gezeichnet hat sie niemand, der genau dieses eine Kind in seiner ganzen Einzigartigkeit kennt.
Das finde ich wichtig. Denn Diagnosen können entlasten. Aber sie können auch verengen, wenn wir nicht aufpassen. Dann wird aus einer Orientierung plötzlich ein Etikett. Und aus einem Etikett schnell ein Schicksalssatz.
„Ich bin halt so.“
„Das ist eben mein ADHS.“
„Da kann man nichts machen.“
Und genau da würde ich widersprechen. Die Psychiaterin, die ich schon lange kenne (vielleicht ist es auch die Essenz vieler Psychiater*Innen), hat einmal etwas sehr Kluges gesagt:
Bei ADHS – und ich würde sagen auch bei Autismus und AuDHS – gibt es viele kleine Stellschrauben. Nicht nur eine.
Und nicht nur Medikamente. Da dreht man hier ein bisschen. Dann schaut man, was passiert. Dann dreht man da ein bisschen. Und irgendwann findet man eine Einstellung, die eine Zeit lang funktioniert. Eine Zeit lang. Nicht für immer.
Auch das ist wichtig. Es gibt nicht diese eine Lösung, die man einmal einstellt und dann läuft das ganze System auf Dauer stabil. Gerade bei Kindern nicht. Gerade im Wachstum nicht. Gerade in Übergängen nicht. Und ganz sicher nicht in der Pubertät.
Zurück zur ADHS-Frage:
Bequemer wäre es ja, wenn ADHS eine genau definierbare Sache wäre.
Etwas, das man feststellt, behandelt, fertig.
Aber so einfach ist es nicht.
Und vielleicht ist genau das nicht nur frustrierend, sondern auch eine Chance.
Denn wenn etwas multifaktoriell entsteht, dann heißt das:
Es gibt nicht nur eine Ursache – und eben auch nicht nur einen Hebel.
In der Psychologie spricht man da von multifaktorieller Genese.
Also vereinfacht gesagt: Ein Zustand entsteht durch das Zusammenspiel vieler Faktoren – genetischer Faktoren, Umweltfaktoren, Stress, Lebensstil, Erfahrungen, Anforderungen, vielleicht auch Ernährung, Bewegung, Schlaf und soziale Bedingungen.
Das ist anstrengend, weil es komplizierter ist. Aber es ist auch hoffnungsvoll. Denn wo es mehrere Ursachen gibt, gibt es auch mehrere Möglichkeiten, etwas zu verändern.
Ich versuche das für mich manchmal anders zu denken. Für mich fühlt sich ADHS oft nicht an wie ein völlig anderes Gehirn, sondern eher wie ein anderer Betriebsmodus. Also nicht: anderer Computer. Sondern: gleicher Computer, anderes Betriebssystem, anderer Modus, andere Prioritäten.
Wenn ich über Emotionen reden will oder zu viele Ideen gleichzeitig kommen, merke ich das bei mir zum Beispiel daran, dass ich mehr in Bildern denke und schlechter an Worte komme. Dann bin ich innerlich nicht im Sprachmodus, sondern im Bildmodus. Der Apparat ist nicht kaputt. Aber er arbeitet gerade anders.
Und vielleicht erklärt das mit, warum man nicht so einfach ein klares biologisches „Da ist der Unterschied“ findet. Weil das System eben nicht nur fest ist, sondern auch auf Belastung, Kontext und innere Zustände reagiert.
Natürlich prägt so ein Modus mit der Zeit auch den ganzen Lebensstil.
Man richtet sich darauf ein. Man entwickelt Vorlieben. Strategien. Arbeitsweisen. Abwehrweisen. Hilfsmittel. Irgendwann ist das alles so aufeinander eingespielt, dass ein Umstellen sehr viel Kraft kostet – oder nur teilweise überhaupt möglich ist.
Deshalb finde ich Theo Parkers Gedanken vom Spektrum so interessant. Nicht nur im Sinne von: Der eine Mensch hat mehr ADHS, der andere weniger. Sondern auch im Sinne von: Innerhalb eines Menschen kann es schwanken.
Heute bin ich vielleicht mehr im ADHS-Modus als letzte Woche. Oder weniger. Je nachdem, wie meine Stellschrauben gerade eingestellt sind. Und das entspricht total meiner Alltagserfahrung. Bei mir. Und bei den Kindern, die ich begleite.
Es gibt Tage, da geht viel. Und es gibt Tage, da geht wenig. Nicht, weil der Mensch an einem Tag „wirklich ADHS“ hat und am anderen nicht. Sondern, weil das System an einem Tag besser getragen ist als am anderen. Und das gleiche gilt für verschiedene Lebenssituationen und Umfelder.
Und wenn wir das einmal ernst nehmen, dann verändert sich auch unsere Sprache.
Dann wird aus: „Ich bin halt immer unkonzentriert, weil ich ADHS habe.“
vielleicht eher: „Ich bin gerade unkonzentriert, weil meine Stellschrauben nicht so eingestellt sind, dass Konzentration mit meiner Art zu denken gerade gut möglich ist.“
Ja, ich weiß. Der erste Satz ist kürzer. Und alltagstauglicher. Aber der zweite Satz öffnet einen Raum. Dann können wir nämlich fragen:
Was brauchst du gerade?
Was davon ist hier möglich?
Was kann warten?
Was überfordert dich?
Was hilft dir in diesem Moment wirklich?
Dann kommen wir aus diesem großen, schweren Gefühl von „Mit mir stimmt etwas nicht“ wieder mehr ins Konkrete. Ins Machbare. Nicht alles auf einmal. Sondern eine Schraube nach der anderen. Und das ist auch eine wichtige Lektion für ADHSler. Das alles auf einmal nicht besser ist. Das manches besser wird, wenn es wachsen kann und in kleinen Portionen kommt. Wenn man darauf vertrauen lernt, nimmt das Druck weg.
Und ich glaube schon, dass sich unsere Welt in den letzten Jahren verändert hat. Sie ist schneller geworden. Reizvoller. Zerstreuter. Wir warten seltener einfach mal irgendwo. Wir greifen schneller zum Handy. Der Kopf hat weniger Leerlauf, weniger Freifläche.
Gleichzeitig sind wir oft weniger in echtem Kontakt – oder anders in Kontakt. Und ich merke das bei mir auch. Wenn ich viel von zuhause arbeite, wenig rauskomme, wenig Natur habe, dann verändert das etwas in meinem System.
Im Sommer bin ich viel öfter draußen, im Garten oder im Wald. Das macht etwas mit meiner Stimmung. Im Winter wird es schwieriger.
Manche Stellschrauben kann ich beeinflussen.
Mehr rausgehen.
Mehr Bewegung.
Mehr Pausen.
Weniger Reiz.
Manche nicht.
Das Wetter zum Beispiel.
Das heißt aber nicht, dass die nicht beeinflussbaren Dinge unwichtig wären. Es heißt nur: Ich muss unterscheiden lernen zwischen dem, was ich gerade ändern kann – und dem, worauf ich anders antworten muss.
Und damit komme ich zu einem Punkt, bei dem ich früher selbst sehr ideologisch war: Medikamente.
Beim ersten AuDHS-Kind habe ich mich sehr dagegen gewehrt. Damals war auch noch viel dieses Gerede unterwegs von: Das sind doch nur Eltern, die ihre Kinder ruhigstellen wollen.
Und ich sage es ganz klar: Das war für uns nicht die Realität. Wir haben an unglaublich vielen Schrauben gedreht.
Ernährung.
Struktur.
Begleitung.
Gespräche.
Alles Mögliche.
Und irgendwann kam das Medikament. Und es war wirklich wie ein Schalter. Nicht, weil plötzlich alles perfekt war. Aber weil überhaupt erst ein Zustand entstand, in dem Lernen, Beziehung und Entwicklung wieder möglich wurden.
Das Kind war vorher so überlastet, dass wir gar nicht an einen Punkt kamen, an dem man sinnvoll hätte andocken können. Es war dauernd Ausnahmezustand. Und in einem Ausnahmezustand lernt niemand gut. Weder ein Kind. Noch eine Mutter.
Ähnlich habe ich es auch bei mir selbst erlebt. Therapie hat mir viel gebracht. Somatic Experiencing hat mir viel gebracht. Aber in einer Phase, in der zuhause alles im Chaos versank und ich meine Affekte kaum noch regulieren konnte, hat ein Medikament mir die innere Ruhe gegeben, die ich gebraucht habe, um das, was ich eigentlich schon wusste, überhaupt wieder körperlich umsetzen zu können.
Das finde ich einen wichtigen Punkt: Manchmal ist ein Medikament nicht die ganze Lösung. Aber es schafft erst den Zustand, in dem andere Lösungen überhaupt greifen können.
Ich habe dafür ein Bild.
Stell dir vor, ein Knochen ist überlastet und bricht. Dann kommt ein Gips drum.
Für mich kann ein Medikament in manchen Situationen genau das sein: ein Gips.
Nicht Betrug.
Nicht Faulheit.
Nicht Aufputschung.
Nicht Kapitulation.
Sondern Stabilisierung.
Der Gips heilt den Knochen nicht allein. Aber er schafft Ruhe. Er hält etwas in Position. Er verhindert noch mehr Schaden. Und währenddessen schaut man natürlich weiter: Wie stärke ich die Muskulatur? Wie verändere ich Bewegungsabläufe? Wie reduziere ich Druck von außen? Wie unterstütze ich das System, damit es nicht gleich wieder an derselben Stelle bricht?
Und genau so sollte man meiner Ansicht nach auch auf Medikamente schauen. Nicht als einzige Wahrheit. Aber auch nicht als moralisches Versagen.
Gleichzeitig würde ich auch da widersprechen, wo Medikamente stillschweigend zum Dauerpflaster für ein überlastendes Umfeld werden.
Denn wenn der äußere Druck gleichbleibt, dann hat der Knochen keine echte Chance. Dann braucht es immer mehr Stabilisierung von außen. Und dann muss man sich schon ehrlich fragen: Liegt es wirklich nur am Kind?
Oder ist da ein System, das dauerhaft zu viel Druck macht?
Ich habe Kinder erlebt, die mit Schulbegleitung, kleineren Klassen oder passenderen Rahmenbedingungen weniger Medikament brauchten. Nicht, weil plötzlich kein ADHS mehr da war. Sondern, weil weniger Gegengewicht nötig war.
Und ich finde, genau da müssen wir wach bleiben. Denn sonst machen wir etwas, das unsere Gesellschaft sehr gerne macht: Wir individualisieren ein Problem, das oft auch ein Umgebungsproblem ist.
Noch ein Beispiel, das ich sehr mochte: Bei einem Kind war donnerstags in der Schule immer Dönertag. Und das Kind sagte irgendwann: „Wenn ich Methylphenidat nehme, habe ich da keinen Appetit drauf. Das macht mich traurig.“
Ich fand das so wichtig. Weil es zeigt: Es geht nicht nur um Funktionsfähigkeit. Es geht auch um Lebensqualität.
Also wurde geschaut: Was steht donnerstags überhaupt auf dem Plan? Was geht?
Was geht nicht? Und irgendwann war klar: An diesem Tag kann es auch ohne gehen.
Später hat das Kind sogar selbst ein Gespür dafür entwickelt, an welchen Tagen das Medikament hilfreich ist und an welchen weniger. Nicht aus Trotz. Nicht aus Bequemlichkeit. Sondern aus wachsender Selbstwahrnehmung.
Und genau das fand ich so stark an dieser Psychiaterin. Sie hat die Kinder ernst genommen. Nicht nur ihre Symptome. Sondern auch ihr Erleben. Sie sagte: „Wenn die Kinder nicht mitziehen, dann wird das nichts.“ Und ja. Das stimmt.
Natürlich geht das nicht mit jedem Medikament in jeder Form. Natürlich gehört sowas in fachliche Begleitung. Aber der Gedanke dahinter ist wichtig: Kinder sollen nicht nur verwaltet werden. Sie sollen lernen, sich selbst zu spüren.
Ich finde überhaupt, dass wir uns öfter fragen könnten: Wie viel ADHS habe ich heute – und woran liegt das?
Nicht als Selbstabwertung.
Sondern als Beobachtung.
Wie viel Schlaf hatte ich?
Wie viel Druck war da?
Wie viel Bewegung?
Wie viel echter Kontakt?
Wie viel Reiz?
Wie viel Überforderung?
Wie viel Passung?
Denn dann wird aus Diagnose nicht Schicksal. Sondern Beziehung. Zu sich selbst. Und zueinander.
Und vielleicht ist das am Ende der wichtigste Punkt von allem: Nicht die perfekte Einstellung. Nicht das perfekte Konzept. Nicht die perfekte Diagnose.
Sondern das Einschwingen aufeinander. Zu merken:
Heute geht mehr.
Heute geht weniger.
Heute braucht einer Ruhe.
Heute braucht einer Bewegung.
Heute braucht einer Struktur.
Heute braucht einer Döner.
Und manchmal braucht einer einfach, dass man sagt: Komm, raus jetzt. Frische Luft.
Ball spielen. Roller fahren. Wettrennen. Nicht, weil Bewegung jede Schwierigkeit löst. Sondern, weil Beziehung oft da wieder anfängt, wo der Druck kurz raus darf.
Für mich ist ADHS deshalb keine starre Schublade. Eher ein Zusammenspiel. Ein Modus. Ein Spektrum. Ein System aus vielen Stellschrauben. Und die gute Nachricht daran ist: Nicht alles ist festgeschrieben.
Wir sind nicht die Karte. Wir sind die Landschaft.
Und die Beziehung miteinander ist am Ende wichtiger als jede Schublade. Das Wichtigste ist nicht, ob wir alles richtig einordnen. Das Wichtigste ist, ob wir lernen, uns selbst und einander besser zu lesen.
